Lutz Seiler: Kruso Suhrkamp Verlag

Januar 2015 (161)

Lutz Seiler hat im letzten Herbst den deutschen Buchpreis für seinen ersten Roman „Kruso“ verliehen bekommen. Ich hoffe, es haben inzwischen auch einige Leser zu Lutz Seilers Lyrik gefunden, die ich nicht unerwähnt lassen will, weil sie, wie ich finde, auch eine große Rolle für die Sprache des Romans spielt. In seiner Dankesrede war Seiler auch Fürsprecher für Lyrik als Königsdisziplin und brachte manche Namen von Lyrikerkollegen ins Spiel. Inzwischen erhielt Jan Wagner, ein Lyriker(!) für seinen Band Regentonnenvarianten den Preis der Leipziger Buchmesse…

Seilers Buch ist eine Herausforderung. Es ist eben keine nebenbei zu lesende Unterhaltungsliteratur, doch gerade das macht den Reiz der Lektüre aus. Wenn man sich darauf einlässt, trägt einen die Sprache in die Handlung hinein und verzaubert, buchstäblich.

Kruso ist die Geschichte einer Männerfreundschaft. Das betonte Lutz Seiler, als man seinen Roman in die Kategorie „Wenderoman“ stecken wollte. Die Handlung spielt im letzten Sommer der DDR auf der kleinen Insel Hiddensee, die nicht nur ein Urlaubsort für ausgewählte DDR-Bürger war, sondern auch ein Zufluchtsort für diverse Aussteiger und Sonderlinge.

Ed, einer der beiden Hauptprotagonisten, landet mehr oder weniger zufällig auf der Insel.
Er steckt in einer tiefen Krise, seit er seine Liebste verloren hat. Die ersten Nächte verbringt er am Strand am Steilufer, immer in Gefahr von patrouillierenden Grenzposten entdeckt zu werden, die die Insel permanent überwachen, da sie aufgrund ihrer Nähe zu Dänemark für viele als Ausgangspunkt für eine Flucht über die Ostsee gewählt wird. Schließlich findet er Arbeit als Abwäscher in der Gaststätte Klausner hoch überm Steilufer. Eine merkwürdige Mannschaft ist da versammelt, illustre Gestalten, eine verschworene Gemeinschaft.
Kruso, der „Russe“, Titelfigur des Romans, verbrachte den Großteil seines Lebens auf der Insel und ist zutiefst mit ihr verwachsen. Er wird von allen Angestellten im Klausner als „Steuermann“ akzeptiert. Jeder auf der Insel kennt ihn. Kruso zieht Ed sofort in seinen Bann. Kruso wird für ihn Lebenslehrer, aber auch Freund im Leiden um eine geliebte Frau. Kruso schreibt Gedichte, die er Ed in langen Nächten vorliest, er zeigt Ed das Foto seiner „verschwundenen“ Schwester, die laut Kruso übers Meer davon „ging“ und die Eds verstorbener Geliebten ähnelt.
Der Bereich des Abwaschs wird für Ed zur Brutstätte neuen Gedankenguts und er wird Zeuge der geheimen Rituale und Einweihungszeremonien, die Kruso für die Festlandflüchtlinge und Regime-überdrüssigen veranstaltet. Er kreiert eine Parallelwelt, die neben der heilen Urlauberwelt existiert und von einem außerordentlichen Zusammengehörigkeitsgefühl lebt. Jeder Eingeweihte soll den Weg der inneren Freiheit kennen lernen, philosophiert Kruso.
Verwirrt von alldem, fiebrig von zu viel Sonne oder Alkohol und durchwachten Nächten, rezitiert Ed seitenweise Trakl, führt am Strand Gespräche mit „seinem“ Fuchs und verliebt sich in eine der „Lebens-Schiffbrüchigen“, die in seinem Zimmer untergebracht ist, wie auch an anderen geheimen Orten der Insel solche „Notunterkünfte“ bereit gehalten werden.

Doch plötzlich hört man von anderen Flüchtlingen…weit weg im fernen Ungarn. Das Land ist in Aufruhr. Auf der Insel geht die Saison zu Ende, nur noch wenige Gäste sind da, dann bleiben sie ganz aus. Je dringlicher und eindeutiger die Nachrichten aus dem alten Radio im Gastraum des Klausners klingen, desto unruhiger wird auch die Belegschaft.
Es kommen keine „Flüchtigen“ mehr und die Angestellten des Klausners verlassen die Insel –
einer nach dem anderen, still und leise. Nur Kruso und Ed bleiben übrig… Kruso versucht die Ordnung aufrecht zu halten, Ed steht ihm als sein Freund und Blutsbruder zur Seite.
Wie in einem Fiebertraum endet die Geschichte…
Und mit einem Versprechen…

Das ist Literatur, die leuchtet!

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Ein Gedanke zu “Lutz Seiler: Kruso Suhrkamp Verlag

  1. Ja, ein überaus lyrischer Roman, der über ganze Seiten hinweg wirklich eher an ein Gedicht erinnert als an eine fortlaufend erzählte Geschichte. Mir hat sehr gefallen, wie Lutz Seiler vor einigen Wochen im LCB selbst aus seinem Buch gelesen hat: unprätentiös und mit einer total angenehmen Stimme. Das war übrigens die bestbesuchte Lesung, auf der ich je war – vielleicht mit Ausnahme von Nick Hornby.

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