Charles Haldeman: Der Sonnenwächter Metrolit Verlag

Cover Sonnenwächter u Jahrbuch der Lyrik 003

Ich empfehle diesen Roman uneingeschränkt!

Ein wirklich besonderes Buch! Inhaltlich, aber auch die Buch- und Covergestaltung des Metrolit-Verlags! Selten ein Buch, dass mich beim Lesen so beunruhigt hat (in positivstem Sinn!) … oder ist der Roman selbst unruhig? War es der Autor? Seine Protagonisten? Der Sonnenwächter lässt viel Raum für eigene Ideen und Interpretationen…

Erzählt wird von Stefan Brückmann, tagebuchartig, fragmentartig, sprunghaft, Gedanken und Briefe tauchen auf, Zeiten wechseln. Dies zeigt dem Leser auch sofort Brückmanns innere Unruhe und Zerrissenheit auf. Auch der Aufbau der Geschichte,  in zwei Teile getrennt (oder verbunden?) durch sogenannte Scharniere überraschte mich:

linkes Paneel ~ Scharniere ~ rechtes Paneel

Die Scharniere sind Verbindungstexte, die die Ursprungsgeschichte von Stefan Brückmann mit seiner weiteren Lebensgeschichte und darüber hinaus, mit der des früh durch Freitod gestorbenen deutschen Lyrikers Paul Speer, verknüpfen.

Deutschland, 1929: Stefan wird als halbes Zigeunerkind in Berlin geboren, die Familie ist meist unterwegs. Er wird als Kind Waise, kommt zu seinen Großeltern väterlicherseits, mit denen er umherzieht, wird von ihnen getrennt, kommt zur Familie mütterlicherseits, die nichts mit ihm anfangen kann, lebt dann mit einer Roma-Familie und wird mit dieser als Jugendlicher 1943 in den Osten deportiert. Im Lager erfährt er Eindrückliches und Prägendes, Qualvolles und Erdrückendes, Menschliches und Bestialisches. Auf einem Gefangenentransport kurz vor Kriegsende kann er mit einem Freund fliehen. Er überlebt, wird von GI´s gerettet, von einem sogar adoptiert und gelangt so in die USA. Auch dort findet er kein Zuhause, der Adoptivvater begeht Selbstmord, er streunt durch die Staaten und kehrt schließlich zurück nach Europa, lebt in Paris mit einer Frau zusammen, die sein Schreiben fördert, verlässt sie wieder, unstet.

„Z wie Zweifel, nicht Zigeuner.“

Gerade hier in diesem ersten Teil leistet der Autor sprachliche Feinstarbeit, wie ich finde.

Im zweiten Teil kehrt Stefan nach Deutschland zurück und begegnet in Heidelberg Barbara. Sie ist die junge Witwe des Lyrikers und Übersetzers Paul Speer. Von diesem wird nun gleichzeitig in Rückblenden erzählt. Deutschland ist im Aufbau. Stefan bewegt sich in philosophischen und Studentenkreisen, verliebt sich in Barbara, doch sie hat den Freitod ihres Mannes noch nicht verwunden, mit dem sie ein Kind hat und den sie bedingungslos in seiner literarischen Arbeit unterstützte.

Eine eindrückliche Begegnung mit zwei Roma-Kindern gibt Stefan schließlich den Impuls sich auf die Suche (nach Heimat?) zu begeben. In einem märchenhaften Traum(?) erlebt er eine Rückkehr zu seinen Wurzeln und gleichzeitig ein Ankommen.

Im Anhang des Buches findet sich Wissenswertes zum Autor und zur Entstehungsgeschichte des Romans, der bereits 1963 erschien, aber erst jetzt erstmals in deutscher Übersetzung im Metrolit Verlag vorliegt.

Mehr über Buch und Autor und eine Hörprobe findet sich auch hier

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