Valerie Fritsch: Winters Garten Suhrkamp Verlag

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Manchmal geht es mir gar nicht um Inhalte. Manchmal brauche ich kaum Handlung, keinen Plot. Aber Sprache brauche ich immer. Das Eintauchen und Versinken in Sprache!

Kann erzählte Sprache gleichzeitig verdichtet und ausschweifend sein? Hier erscheint es mir so. Dank Valerie Fritsch findet sich Poesie also auch außerhalb von Lyrik. Beim Lesen entstehen kraftvolle Bilder, Ideen, Irritationen, ein ganz besonderer Klang.  Wie in einem guten Gedicht…

Winters Garten erzählt auf nur 150 Seiten eine Endzeitvision. Aber darauf kommt es gar nicht an … Sie erfindet  einen ländlichen Garten, darin aufgehend eine Gemeinschaft ähnlich einer Großfamilie, geprägt von archaischen Strukturen, Ritualen, aber auch großer Geborgenheit. Anton Winter, ein stilles, eigenes Kind erlebt hier eine verzauberte Kindheit, lebt in der Natur, mit den Jahreszeiten, mit Wachstum und (Ab-)Sterben. Alles was er braucht, lernt er hier, meist von den Großeltern begleitet.

Für mich ist dieser erste Teil der beste, auch sprachlich, der umso stärker wirkt, als er eine Sicherheit verspricht, die sich im Verlauf der Geschichte vollkommen auflöst.

“ In jeder Kindheit sind die Alten unaussprechlich alt, und jede Kindheit ist stets jemandes spätere Verzweiflung“

Jahrzehnte später, seit dem Tod der geliebten Großmutter, wohnt Anton über den Dächern der Stadt am Meer, den Garten der Kindheit immer im Bewusstsein und doch unendlich fern, einsam, nur in Gegenwart seiner Vögel. Bis er im 43. Lebensjahr auf Frederike trifft, die sofort seine Frau wird. Eine Liebe, die sofort wirkt und gelebt wird, obwohl es heißt, die Welt gehe bald unter. Was geschehen wird weiß keiner, aber dass es passieren wird, ist überall unter den Lebewesen zu spüren und sichtbar. Chaos und Verzweiflung herrscht.

Die Rückkehr in den Garten wird zur Heimkehr, zur letzten Zuflucht. Für kurze Zeit kann wieder die Kindheit gelebt werden in einer kleinen Gemeinschaft:  Anton und Frederike, der wiedergefundene Bruder mit seiner Frau und dem eben in die absterbende Welt geborenen Säugling.  Und doch ist es die Vorbereitung auf den Tod, der Abschied vom Leben …

Ich habe mich in Valerie Fritschs Sprache verliebt, ich gebe es zu. Alles begann mit ihrer Lesung beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt. Auch diese Geschichte (Das Bein) für mich ein kleines Wunder der Sprache. Andere scheinen es auch so zu erleben, denn sowohl die Jury, als auch das Publikum verliehen Fritsch einen Preis…

Literatur, die leuchtet! Ich möchte mehr davon!

http://www.suhrkamp.de/buecher/winters_garten-valerie_fritsch_42471.html

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2 Gedanken zu “Valerie Fritsch: Winters Garten Suhrkamp Verlag

  1. Jetzt schreib ichs auch hier, daß ich von „Winters Garten“ etwas enttäuscht wurde und die Monique Schwitter https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/08/25/eins-im-anderen/ viel lyrischer als diese Weltuntergangsgeschichte finde, die ja eigentlich eine Handlung hat.
    Eine sehr einfache, wahrscheinlich auch eine märchenhafte aus dem vorigen Jahrhundert und so würde ich auch die meisten Metaphern empfinden, leicht kitschig und eher aus der „Gartenlaube“, als aus dem als als sehr lyrisch gelobten Roman einer sechsundzwanzigjährigen jungen Frau, die 2015 auf der LL steht.
    Wahrscheinlich habe ich mir zuviel erwartet, denn ich war von Valerie Fritsch und ihrer literarischen Begabung auch sehr begeistert, aber vielleicht wird es das wieder bei ihrem nächsten Buch.

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