Katharina Hacker: Skip S.Fischer Verlag

Katharina Hacker: Skip

Skip ist ein seltsamer Roman. Einerseits bin ich fasziniert und gefesselt, andererseits verliere ich mich darin. Die Geschichte von Skip verwirrt mich, lässt mich aber auch nicht los und schon gar nicht kalt. Zweimal legte ich den Roman wieder weg, las zwischendurch anderes, aber nicht zu Ende lesen, ging dann eben doch nicht…
zum Glück!

„Lange Zeit dachte ich, ich würde von Unglücken verfolgt. Ich wartete sehnsüchtig, dass Shira schwanger würde, aber sie wurde nicht schwanger, nicht von mir. Ich wartete darauf, wieder ein Haus bauen zu können, aber man übertrug mir nur alte Häuser zum Ausbau. Ich hoffte, Shira würde gesund werden, aber sie starb. Der Tod rückte immer näher, und doch habe ich nie darauf geachtet, wie die Tage vergehen, die Tage, an denen nichts Sonderliches geschieht, die glücklichen Tage. Manchmal war mir, als hätte ich das Sterben schon hinter mir.“

Im Prinzip ist dieser kleine Auszug aus dem Roman bereits eine Inhaltsbeschreibung. Denn es geht um nichts geringeres als die unbestreitbare Präsenz des Todes inmitten des alltäglichen Lebens. Gerade auch in Israel, welches Schauplatz des Romans ist.
Skip Landauer lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. Als Sohn eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter wuchs er in Paris auf. In Israel fühlt er sich nur „halb“ zugehörig. Als Mann fühlt er sich nur „halb“, weil seine beiden Söhne nicht seine eigenen sind. Er ist Architekt, renoviert alte Häuser. Zufrieden ist er nicht – Hälfte des Lebens?

In dieser Zeit beginnen ihn seltsame Visionen zu plagen. Er scheint auserwählt, die Seelen gerade verstorbener in das Totenreich zu begleiten. Und so wird er immer wieder zu Unfällen, Katastrophen „berufen“, sei es ein Flugzeugabsturz in Amsterdam, sei es ein Zugunglück in Paris. Diese Mission wird für ihn zusehends zum Anlass über die vergangene Lebenszeit und die noch zu gestaltende Zukunft, nachzudenken. Von seiner Frau, die an Krebs erkrankt, entfernt er sich immer mehr. Die Liebe verliert sich. Die Söhne bleiben ihm fremd, auch nach dem Tod seiner Frau Shira kommt es nur zeitweise zu wirklichen Annäherungen. Schließlich verlassen ihn beide und gehen zum Studium nach England.

„Ich erinnere mich nicht, was ich träumte, vielleicht gab es ja keine Geschichte, weder die einer Reise noch die eines Todesengels, vielleicht war es überhaupt nur die Bewegung auf etwas hin, auf die Welt ohne uns Menschen, für ein Jenseits habe ich mich nie interessiert und auch nicht in dieser Zeit. Aber ich versank in Landschaften, die ich nicht kannte, und ich sehnte mich im Traum, danach, irgendwo zu sein, wo ich mich auf der Welt zu Hause fühlte, als Teil von etwas, atmete und lebte und sogar gedieh“

Auch er selbst wird das von Anschlägen mehr und mehr erschütterte Land verlassen. Mit einer jungen Frau und einem Sanierungsauftrag für ein Haus im wiedervereinigten Berlin verlässt er Tel Aviv in Richtung Deutschland… Dort schreibt er seine Geschichte auf.

Katharina Hackers Roman hat etwas mystisches, geheimnisvolles, so wie auch der Protagonist Skip selbst. Auch die Sprache ist so, traumwandlerisch, Sätze unvollendet, undurchsichtig. So richtig lassen sich Geschichte und Geschehnisse nicht fassen. Auch der Name Skip ist schon ein Hinweis auf das, was die Hauptfigur ausmacht: Er ist ein Springer zwischen den Welten. Skip ist ein Getriebener, ein Selbstzweifler, ein zerrissener Mensch, ein Suchender, ein Einzelgänger, der sich dennoch nach Geborgenheit in der Familie und mit Freunden sehnt. Mir gefällt das.
Mir gefiel auch die bildreiche Schilderung Tel Avis, Israels, die Ausflüge Skips ins Bergland Jerusalems, in den Gazastreifen, die Besuche bei Freunden, die offiziell Feinde hätten sein können. Hacker lebte selbst von 1990 bis 1996 in Israel und schildert das Land und die politischen Ereignisse sehr anschaulich. Für mich ein spannender Einblick in eine mir weitestgehend unbekannte Welt.

Mich überrascht es, und freut es, dass Katharina Hackers Skip, erschienen im S.Fischer Verlag, im Oktober auf dem 1. Platz der SWR-Bestenliste zu finden ist. Vielleicht wird der nicht ganz einfache, aber unbedingt lesenswerte Roman dadurch etwas mehr ins Blickfeld gerückt.

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7 Gedanken zu “Katharina Hacker: Skip S.Fischer Verlag

  1. Liebe Marina,
    „Skip“ wartet schon auf dem SuB. Ich bin neugierig auf die Geschichte gewesen wegen der „Berufung“ Skips zu den Orten der Katastrophen. Ob solch eine merkwürdige Geschichte wohl klappt, habe ich mich gefragt. Deiner Meinung nach klappt es wohl. Nun bin ich selbst noch gespannter auf das Lesen, scheint sich doch hinter Skips Geschichte weit mehr als eine „normale“ Midlife-Crisis zu verbergen.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

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