Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung Hanser Verlag

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung

Anfangs meint man, das sei eine Geschichte, wie man sie schon kennt, aus Romanen, aus Filmen. Vier Geschwister treffen sich nach dem Tod des Vaters im Elternhaus, um ihm „die letzte Ehre“ zu erweisen(und zu erfahren, wer was erbt). Aus allen Ecken kommen Sie angereist, jeder mit dem eigenen Lebenskonzept im Gepäck, alle könnten unterschiedlicher nicht sein. Alle sind gespannt auf das Testament.

Doch was Ott daraus macht, ist durchaus ein großer Lesegenuß. Er weiß genau, was er tut. Er ist ein ziemlich guter Geschichtenerzähler. Der Leser wohnt einem Theaterstück bei, beim Lesen kam es mir oft so vor, als säße ich im Publikum und beobachtete die exquisiten Schauspieler, sympathisierte mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Dass der Roman mit vielen sehr gelungenen, teilweise makabren oder extrem komischen Dialogen durchzogen ist, passt zum Charakter eines Kammerspiels. Und dabei stimmt auch der Spannungsaufbau. Ich will wissen, was denn nun im Testament steht und werde hingehalten…

„Zeit ist, wenn etwas vorbeigeht. Das weiß doch jedes Kind“
Aber die Zeit an sich, was ist das?
Mir fehlt nicht viel, wenn ich´s nicht erklären kann.
Das sagt der Volkshochschul-Einstein aus Memmingen.
Idiot. Und trotzdem biete ich dir an, dass du deinen Pascal bei mir machen kannst.
Wieso Pascal?
Weil du gerade einen Film über ihn machen wolltest.
Was soll ich deinen Memmingern über Pascal erzählen?“

Um Pascal geht es auch, hochphilosophisch und laienphilosophisch. Es wird diskutiert über Zeit, Gott und Religion,Tod, Sterben, über „Wie soll man leben?“ und jeder legt dazu seine eigene vielfach festgefahrene Sichtweise dazu dar. Und es geht ums Geld, ums Erbe.

Die Geschwister, Joschi, Linda, Uli und Jakob(die Erzählerstimme) hatten eigentlich seit dem Tod der Mutter kaum mehr mit dem Vater zu tun. Der Vater, pensionierter Chefarzt, erkrankte an Parkinson und nahm sich eine Hausangestellte, die von den Geschwistern nur „ungarische Hure“ genannt wird und die sie nun als potenzielle Konkurrentin in Bezug auf das Erbe sehen.
Joschi, der einstige Revoluzzer, der die Familie durch unsaubere Machenschaften in finanzielle Bedrängnis brachte und Jakob, der in Paris gerne Lebemann und Freigeist spielen würde, aber gar nicht über die nötigen Mittel verfügt, sind durchaus auf das Erbe des Vaters angewiesen. Uli, der alternative Aussteiger, der mit seiner Frau Franziska und den Kindern in der Natur lebt und Linda, die Leiterin eines Kunsthauses in einer Provinzstadt, verheiratet mit Fred, sind die beiden, die mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen. Doch gerade Linda ist die, die den Vater entmündigen lassen wollte, wegen seines plötzlich unsteten, triebhaften Lebenswandels, was nicht gelang, der Vater wusste sich durchaus zur Wehr zu setzen und brach den Kontakt ab.

Als Linda den Vater tot im Haus auffindet und erfährt, dass der Anwalt, der das Testament des Vaters verwaltet, ausgerechnet der Mann ist, der sie vor Jahren wegen einer anderen hat sitzen lassen, sieht sie das als neuerlichen Affront des Vaters gehen die eigenen Kinder.
Während die Geschwister nun in Gegenwart des auf der roten Couch drapierten Vaters ihre „Totenwache“ abhalten und auf die Ankunft des Anwalts warten, entspinnen sich Diskussionen, Erinnerungen werden ausgetauscht, es wird wüst gestritten und sogar Pläne entwickelt, wie man das Testament, wenn es denn ungünstig ausfalle, unterschlagen könne.

„Und jetzt steht noch nicht einmal fest, ob ihnen das Haus überhaupt noch gehört, in dem der tote Vater liegt. Es lasse sich noch alles ändern, behauptet Linda. Mein Gott, was glaubt sie denn? Willst du Papa noch als Toten entmündigen lassen, fragen ihre Brüder sie heute schon zum zehnten Mal. Sie alle wünschten sich, dass sich alles noch ändern ließe, sollte es so schlimm kommen wie befürchtet, auch wenn keiner weiß, wie.“

Der Anwalt kommt… nichts läuft so wie vorher erhofft, geplant. Der Anwalt geht. Die Ereignisse überschlagen sich…

Ebenfalls empfehle ich sehr den vorherigen Roman „Wintzenried“ von Karl-Heinz Ott, in dem er sich auf amüsante Weise einigen unbekannten Aspekten aus dem Leben Jean-Jacques Rousseaus zuwendet. Beide sind im Hanser Verlag bzw. bei dtv erschienen.

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2 Gedanken zu “Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung Hanser Verlag

    • Liebe Silvia, ich bin durch das Rousseau-Buch auf Ott gestoßen. Wenn dich Rousseau im Roman fasziniert, kennst du sicher „Die neuen Bekenntnisse“ von William Boyd über einen Stummfilmregisseur, der die „Bekenntnisse“ verfilmen will? Ein richtig guter 700-Seiten-Schmöker!

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