Karl Ove Knausgard: Träumen Luchterhand Verlag

Karl Ove Knausgard: Träumen

Knausgard bleibt auch in diesem Band seinem Muster treu. Die totale Offenlegung des Inneren, die Schilderungen der eigenen Zerrissenheit, der Persönlichkeitsveränderung bis zum Größenwahn, wenn Alkohol im Spiel ist und der andauernden Gefühle der Minderwertigkeit in fast allen persönlichen Beziehungen.

Im 5. Teil seines 6-bändigen Werks schreibt er über seine Zeit in Bergen, die sich über einen Zeitraum von 14 Jahren spannt. Er wird an der Schreibakademie, an der unter anderem Jon Fosse lehrt(dessen Romane und Stücke ich seit langem schätze), aufgenommen. Er bezieht eine eigene Wohnung, lebt und studiert in der Stadt, in der auch sein Bruder Yngve lebt und die umschwärmte Ingvild, die ihm der Bruder gleich zu Beginn des Romans wegschnappt.

Als Schriftsteller fühlt er sich selten gut, nur wenn er ausreichend getrunken hat, ist er mutig und fühlt sich stark, schlägt häufig über die Stränge. Unter seinen Mitstudenten ist er der Jüngste, die anderen scheinen alle besser zu schreiben als er. Mit Kritik kommt er schwer zurecht. Nach dem Jahr in der Schreibakademie beginnt er ein Studium der Literaturwissenschaft. Das Romanmanuskript, das er bei einem Verlag einreicht, wird abgelehnt. Im Studium schreibt er so gut wie gar nicht mehr,  außer die geforderten Arbeiten. Er findet einen literarisch versierten Freund, gründet mit seinem Bruder eine Band und hat eine Beziehung mit Gunvor.
Als ihm das Geld augeht, beginnt er in einer psychiatrischen Klinik als Aushilfskraft zu arbeiten und vernachlässigt das Studium, gibt es schließlich ganz auf. Er geht mit Gunvor für ein halbes Jahr nach Island, schreibt dort einige Erzählungen. Eine wird in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Dann muss er seinen Zivildienst ableisten und landet im Radiosender Campusradio. Dort fühlt er sich wohl mit der Arbeit und auch mit den Kollegen. Er schreibt Buchrezensionen für Zeitungen und fürs Radio(unter anderem einen Verriss von Murakamis „Wilde Schafsjagd“!).
Seine Beziehung mit Gunvor ist längst einseitig geworden, irgendwann traut sich Karl Ove dann sie zu beenden. Es ist ein steter Kampf, schreiben zu wollen, zu müssen, aber immer wieder zu erkennen, es nicht gut genug zu können. Kein Durchbruch ist in Sicht, seine Freunde bringen ihre ersten Bücher heraus, Karl Ove wird abgelehnt. Durch den Radiosender lernt er Tonje kennen, die er schließlich heiratet. Die Beziehung zum Vater, die ihn ohnehin immer wieder quält, verschlechtert sich noch mehr, als der nicht zur Hochzeit erscheint. Jahre danach stirbt der Vater an den Auswirkungen seines Alkoholmissbrauchs.
Schließlich schafft es Karl Ove einen Verleger zu finden, einen Roman zu beenden, der sogar einen Preis erhält. Er ist plötzlich bekannt, gibt Interviews. Doch die erhoffte Befriedigung bleibt aus. Über Jahre versucht er vergeblich weiter zu schreiben, an seinem exzessiven Schreiben und einem Seitensprung zerbricht schließlich die Ehe mit Tonje.

Für mich persönlich war die Lektüre vor allem deshalb interessant, da sich vieles um Literatur und ums Schreiben dreht und ich einen Einblick bekam in den Literaturbetrieb in den 90ern in Norwegen. Ich erfuhr vieles über skandinavische Roman- und Lyrikautoren und fand dabei auch bestätigt, was mir bei einem Norwegenaufenthalt vor vielen Jahren auffiel: Die Lyrikregale der Buchhandlungen selbst in den kleineren Städten sind unglaublich gut bestückt, sowohl mit einheimischen als auch mit fremdsprachigen Autoren. Offenbar gibt es in Skandinavien bei Lyrik größeren Zuspruch als hier.

Was die Sprache angeht, bin ich nach wie vor nicht überzeugt. Manches wirkt unbeholfen; das, was gut ist, geht unter in den beinah 800 Seiten. Da ist beispielsweise Tomas Espedals Sprachstil bei weitem besser.
Ich kann mir auch die riesige Euphorie rund um den Autoren nicht erklären. Auch nicht den allseits genannten „Sog“, der sich beim Lesen einstellt, dem ich mich ebenfalls nicht entziehen konnte(obgleich mich etwa in der Mitte des Romans ein Knausgardüberdruß ereilte und ich mich mit eingeschobener Thomas Bernhard-Lektüre wieder auf Kurs bringen musste).

Ich las und lese ohnehin gerade parallel einige Autoren, die ganz ähnliche autobiografische Projekte haben/hatten und finde es aufschlussreich, wie vielseitig dabei die Herangehensweise ist.
Man denke nur an Peter Kurzecks „Das alte Jahrhundert“, an Jürgen Beckers „Journalromane“ und Thomas Bernhards „Autobiografische Romane“. Mag sein, dass solche Vergleiche hinken, gerade auch in Bezug auf sprachliches Können…dennoch finde ich es durchaus reizvoll.

Ein einziges kurzes Zitat will ich am Schluss noch einfügen, da ich dem nur zustimmen kann: die Tagebücher des Lyrikers Olaf H. Hauge sind eine empfehlenswerte Lektüre!

„Ich las die Tagebücher von Olav H. Hauge, die mir ein ungeheurer Trost waren, ich wusste nicht, warum, aber es war so, wenn ich einige Stunden in ihnen las, fand ich Frieden.“

 

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2 Gedanken zu “Karl Ove Knausgard: Träumen Luchterhand Verlag

  1. Ein Bericht, den ich sehr gern gelesen habe. Espedal habe ich kürzlich entdeckt. Seine Sprache hat mir wunderbar gefallen. Knausgard werde ich nach und nach lesen, „Sterben“ und „Lieben“ kenne ich, habe aber auch an anderen norwegischen Autoren meine Freude. Allgemein ist Norwegen wie die meisten skandinavischen Länder ein großes Leseland (wie es auch ein Musik-Land ist.) Ich glaube, Kultur spielt da eine größere Rolle und wird ausgiebig finanziell unterstützt. Als ich im Winter die wunderschöne Bibliothek von Tromsö sah, fiel es mir wieder auf. Bernhard werde ich sicherlich mal wieder lesen, kürzlich rettete ich seinen Roman „Auslöschung“ aus der Ramschkiste einer Buchhandlung. Viele Grüße

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