Josef Winkler: Wortschatz der Nacht/ Abschied von Vater und Mutter Suhrkamp Verlag

2015-10-27 15.35.40

„Die Erde dreht sich um den Kugelkopf meiner elektrischen Schreibmaschine, und meine Seele schwebt in meinem Körper in Lebensgefahr.“

Diese Zeilen aus „Wortschatz der Nacht“ eignen sich als Kurzbeschreibung des Buches, womöglich stehen die Worte sogar für das Werk Josef Winklers. Umso erstaunlicher, weil er diesen Text bereits 1979 als 26-Jähriger schrieb, der dann seit der Veröffentlichung seines ersten Buches in seinem Kärntner Heimatdorf nicht mehr gut gelitten war.

Zwischen „Wortschatz der Nacht“ und „Abschied von Vater und Mutter“, welches aus den zwei Büchern „Roppongi. Requiem für einen Vater“ und „Mutter und der Bleistift“ zusammengesetzt ist, liegen Schriftstellerjahre mit vielen Buchveröffentlichungen und bedeutenden Literaturpreisen. Ersteres scheint die notwendige Ablösung vom Elternhaus gewesen zu sein, letzteres eine Annäherung(?) an die Eltern nach deren Tod.

Ich hatte das Glück Josef Winkler kürzlich im Literaturhaus Berlin zu erleben und habe dadurch einen ganz neuen Blick auf die Romane bekommen, die ja zunächst viel Düsternis zu enthalten scheinen. In Lesung und Gespräch hingegen zeigte sich Winklers herrliche schwarzhumorige Ader.

In „Wortschatz der Nacht“ schildert Winkler eindrückliche Szenerien aus der Kindheit und dem Erwachsenwerden. Der kleine Junge, der lustvoll heimlich die Kleider der Schwester anprobiert oder auf den Dorfbrunnen klettert, hineinfällt, weil er glaubt übers Wasser gehen zu können, denn der Pfarrer erzählte von einem, der das konnte. Der Jugendliche, der des Nachts durch die leeren Gassen wandert, die Totenmaske Elke Lasker Schülers unter den Kleidern an die nackte Brust gepresst, der mit erlebt, wie sich zwei Freunde als Jugendliche gemeinsam „mit dem Kälberstrick“ das Leben nehmen.

Die Zeilen sind durchdrungen vom Druck dörflicher katholischer Kindheit, vom unerträglichen Gefühl des Andersseins, von Todessehnsucht, aber auch vom Wunsch die Dinge auszusprechen, dem Drang auszubrechen bei gleichzeitiger Furcht davor. Und von der möglichen Erlösung im Schreiben…

„Ich weiß, dass ich seit der Veröffentlichung meines ersten Buches zutiefst, vor allem von den Eltern und verwandtschaftlichen Angehörigen Jakobs, verachtet werde. In verzweifelter Zuneigung zu Jakob habe ich dieses Buch geschrieben. Man hat mich mißverstanden, wie wahrscheinlich auch Jakob mißverstanden worden ist. Er ist aber tot, und ich bin am Leben.“

In „Roppongi“ geht es um den Tod des Vaters, der fast 100 Jahre wurde und die Rückschau auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Der Vater der Zeit seines Lebens bis ins hohe Alter auf dem eigenen Bauernhof arbeitete und der Sohn, dessen Interessen ganz anders gelagert waren, Lesen und Schreiben und in die Welt hinaus wollte er – verstanden haben sie einander vermutlich nie.
Als der Vater starb war Winkler in Japan und er nahm nicht an der Beerdigung teil. Dennoch berichtet er hier detailreich über die Begräbniszeremonien im heimatlichen Dorf in Kärnten mit den streng katholischen Ritualen.

„Nach der Beerdigung hat früher der Totengräber die Knochen, die er beim Ausheben des Grabes fand, nach der Messe und den Trauerfeierlichkeiten, bei denen der Sarg an Stricken, mit denen sich die Dorfjugend erhängt, Kälber auf die Welt gezogen und Kinder geschlagen werden, in die Erde hineingelassen wurde und die Trauergemeinde den noch vor dem offenen Grab stehenden Verwandten noch einmal kondolierte, auf den Sarg gelegt, bevor er das Loch zuschaufelte.“

Gegenüber stellt er die Toten- und Einäscherungsrituale, wie er sie in Indien erlebt hat, in Varanasi am Fluß Ganga, wo er monatelang die Zeremonien beobachtete und mit Tinte und Feder in den roten indischen Notizbüchern festhielt.

„Mutter und der Bleistift“ führt die Erinnerungen an Kindheit und Heimatdorf fort. Die Mutter, das Essen zubereitend, ermahnt den am Küchentisch sitzenden und eigentlich linkshändig schreibenden Sepp: „Wirst du wohl den Bleistift in die schöne Hand nehmen!“ Zwischendurch wird sie ehrfürchtig einen Schluck Weihwasser trinken, dass der Sohn, der Ministrant, ihr zuvor aus der Sakristei geholt hat. Josef, der vor allem mit der „stummen“ Mutter im Haus ist und den jüngsten Bruder mitbetreut, während die älteren Brüder mit dem Vater auf dem Feld arbeiten, wird am Küchentisch seine ersten Geschichten schreiben…

„Die Mutter schlachtet ein Huhn, das Blut ergießt sich nach der Erektion des steifen Messers, der Kopf fällt, und der Kamm des Hahns kämmt die Haare meiner Kindheit, die wirr im verweinten Gesicht stehen. Um dem Hass aus meiner Kindheit eine endgültige Form der Steigerung geben zu können, verwandle ich ihn in Liebe, der kein Mensch aus Fleisch und Blut ausweichen kann.“

Josef Winkler ist ein großer Sprachkünstler. Sein Schreibstil erinnert manchmal an Thomas Bernhard, vor allem was die teilweise halbseitenlangen Sätze angeht, die Wiederholungen bestimmter Textpassagen. Aber er hat nicht die Bitternis, das Lamento eines Bernhard. Bei ihm ist es der ganz eigene, oft schonungslose Humor, der in allem Tiefgang und trotz schwerer Thematik niemals fehlt. Ich bin seit der Lesung noch mehr angetan von Winklers Art zu schreiben und empfehle sehr, es einmal mit der Lektüre zu versuchen…

 

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2 Gedanken zu “Josef Winkler: Wortschatz der Nacht/ Abschied von Vater und Mutter Suhrkamp Verlag

    • Liebe Silvia,

      Der Autor ist auch nicht in aller Munde, schreibt keine „Bestseller“. Aber oft finde ich gerade solche Autoren am interessantesten. Zudem habe ich ein Faible für österreichische Schriftsteller/innen. Das ist meist ein sehr besonderer Humor. Winklers Themen sind allerdings gerade bei diesen beiden Büchern aber schon sehr ernste…

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