Lily King: Euphoria C.H.Beck Verlag

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Lily Kings Roman „Euphoria“ ist kurzweilig und er ist in allem stimmig. Ein exotischer Hintergrund mit einer guten Story gepaart, sprachlich gelungen in ästhetisch schöner Aufmachung! Ein farbenprächtiges Buch für einen trüben Wintertag!

Die Reise geht in die Tropen nach Neuguinea und von Anfang an taucht der Leser in diese fremde, faszinierende, abenteuerliche Welt ein. Die Geschichte spielt Anfang der 30er Jahre. Hauptprotagonistin ist Nell Stone, eine amerikanische Anthropologin, die an die tatsächlich existierende Person der Ethnologin Margaret Mead angelehnt ist. Mit ihrem Ehemann, dem Australier Fen, lebt die bereits durch eine Buchveröffentlichung bekannt gewordene Nell bei verschiedenen Stämmen am Fluß Sepik und erforscht die Verhaltensweisen der Bewohner eines aggressiven Stammes, bei dem Nell sich aber bald nicht mehr sicher fühlt. Das Verhältnis zwischen dem Ehepaar ist nach der langen Zeit in der Wildnis angespannt, auch weil Nell, die sich dringlich ein Kind wünscht, noch wegen einer Fehlgeburt leidet. Als Bankson, ein britischer Forscher in ihrem Leben auftaucht, wird die Situation ordentlich aufgemischt. Er bringt sie, die sie schon auf der Rückreise Richtung Australien waren, zu einem Stamm, der in einem ihm bekannten Gebiet liegt, und Nell gewinnt rasch das Vertrauen der Dorfbewohnerinnen. Gerade die Frauen scheinen hier bei den „Tams“ die Gemeinschaft stark zu prägen, was Nell erfreut als neuen Aspekt in ihre Forschung mit einbezieht.

„Ich erfasse die Beziehungen unter den Frauen, die Sympathien & Antipathien im Raum auf eine Weise, wie ich es über die Sprache nie könnte. Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind eben nur bedingt verlässlich.“

Bei Banksons Besuchen entstehen erste erotische Spannungen. Der Brite ist einsam und hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich und das Paar ist von ihm sofort eingenommen, aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Nell und Bankson scheinen Verwandte im Geiste zu sein, sie fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen und beflügeln sich gegenseitig in ihrer Arbeit. Fen hingegen fühlt sich sehr schnell ausgebootet. Als dieser ein risikoreiches Unterfangen startet, um Nell zu übertrumpfen und endlich größeren Ruhm als Anthropologe zu erlangen, geschieht Unvorhergesehenes mit weitreichenden Folgen…

Lily King hat genau recherchiert, schafft es zwischenmenschliche Beziehungen, auch Unterschwelliges, extrem gut zu beschreiben und dadurch Spannung zu erzeugen. Seien es die Verhältnisse zwischen den „Zivilisierten“, seien es die Verhaltensweisen der einheimischen „Wilden“, es gelingt ihr zu überzeugen.  Für mich ist solch ein Buch immer dann gut, wenn ich Lust bekomme, mehr über die Thematik zu erfahren und selbst zu forschen beginnen möchte. So habe ich noch während der Lektüre über Margaret Mead recherchiert und bin virtuell nach Guinea gereist…

Lily King lebt in den USA und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht.
Euphoria wurde von Sabine Roth ausgezeichnet übersetzt und erschien auf Deutsch im C. H. Beck Verlag.

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