Peter Kurzeck: Bis er kommt Stroemfeld Verlag

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Glück    manchmal ein Tag, da ist alles richtig, von Anfang an – und das in Bildern erzählen.“

„Bis er kommt“ heißt der 6. Band aus Peter Kurzecks Zyklus „Das alte Jahrhundert“. Er ist als Fragment aus dem Nachlass vor Kurzem im Stroemfeld Verlag erschienen.

Die ganze Geschichte basiert dann auch auf dem Warten „bis er kommt“: „Er“, nämlich Jürgen, der beste Freund des Schriftstellers Kurzeck, der in Südfrankreich lebt und sein Kommen telefonisch ankündigt. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen und er plant den Winter über nach Frankfurt zu ziehen um Geld zu verdienen, denn das kleine frisch eröffnete Restaurant wirft längst nicht so viel ab, wie erhofft.

Kann das funktionieren? Kann man sich fesseln lassen von einem Roman mit so wenig Handlung? Leser, die Kurzecks Bücher und seinen Erzählstil kennen, wissen längst, dass es funktioniert. Und zwar auf die wunderbarste Weise. Und die, die Kurzeck noch nicht kennen, haben noch das Schönste vor sich…

„Der Wind rührt dich an und gleich wird alles lebendig. […] Alles neu. Wie zum erstenmal. Eben noch hast du kaum gewußt, als wer und warum du hier gehst und ob dich das überhaupt etwas angeht. Und jetzt bist du ganz nah bei dir selbst und weißt dich allen Menschen verbunden, die mit dir zugleich auf der Welt sind. Als ob du jeden einzelnen kennst und ihnen wenigstens nächstens noch allen begegnen wirst. Und auch die Toten sind dir nah und vertraut. Sind nicht wirklich tot, sondern immer noch bei uns. Alle Toten. Wie Verwandte. Macht das allein nur der Wind?“

Ob Kurzeck morgens auf seine kleine Tochter wartet, um sie zum Kinderladen zu bringen und in Gedanken über einen Markt in einem Pariser Viertel geht, dass er kennt oder ob er während eines Telefonats mit Jürgen, weil Bob Dylan im Hintergrund läuft, über Flohmärkte in Frankfurt am Main streunt, er kann seitenweise darüber erzählen und mir wird nie langweilig. Solche Abschweifungen (7 sinnliche Seiten über den Markt in Paris: Düfte, Geräusche, Wahrnehmungen, Empfindungen) sind absolut typisch für Kurzecks Art zu schreiben und machen den eigentlichen Lesegenuß aus.

Der Text umreißt eine Spanne aus der Zeit, als Kurzeck mit seiner Lebensgefährtin Sybille und der 4-jährigen Tochter Carina in Frankfurt 1983 in einer Dachgeschosswohnung lebt. Er ist gerade arbeitslos geworden und arbeitet an seinem neuen Roman. Morgens bringt er die Tochter zum Kinderladen, für dieses Ritual lassen die beiden sich Zeit, der Rückweg in Eile, denn die Schreibarbeit wartet. Morgens schreibt er, abends sichtet er seine Notizen, die kistenweise auf Verarbeitung warten. Zwischendurch viel Kaffee, Zigaretten. Telefonate mit Jürgen, schnell die Musik abgedreht, wenn das Telefon läutet – es könnte das Arbeitsamt dran sein.
Und er geht. Er flaniert durch die Straßen Frankfurts, tags, abends und erzählt uns was er sieht und verknüpft Gesehenes mit Erinnerungen oder Zukünftigem. Innere Monologe mit dem Leser geteilt.

„Vor achtzehn Jahren zu Malen aufgehört. Weil mir die Zeit nicht mehr gereicht hat. Zum Malen nicht und auch nicht für Schlafen, Essen, Geldverdienen, Lesen und Schreiben. Die Dämmerung. Wolken ziehen. Hinter den Wolken ein Kirchenglasfensterhimmel. Engel fliegen durch alle Straßen und über die Kreuzungen. Jetzt holst du Sibylle und Carina ab und dann gehst du mit ihnen heim.“

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Umschlagseite aus dem Buch „Peter Kurzeck: Der radikale Biograph“, Stroemfeld Verlag

Die vorliegenden 190 Seiten, sind etwa die Hälfte des geplanten 6. Bandes. Die Herausgeber haben im Anhang nach dem eigentlichen Textfragment allerhand Material eingefügt, was auch Aufschluss gibt über die immense Entschlüsselungsarbeit, die noch vor Ihnen liegt. Die Arbeitsweise Kurzecks wird dabei durch Erklärungen und Auszüge aus den Notizen, handschriftlichen Aufzeichnungen, die manchmal unterwegs sogar auf Teebeutelpapier oder Kassenzettel geschrieben wurden, wunderbar aufgezeigt.

Kürzlich stellten die beiden Lektoren und Freunde des 2013 im Alter von 70 Jahren verstorbenen Peter Kurzeck, Rudi Deuble und Alexander Losse im Literaturforum im Brecht-Haus den Band vor und lasen Auszüge.

„Den nächsten Milchkaffee und dazu laut die Sätze von vorher. Und dann schnell die nächsten. Und mir sagen, daß ich jetzt dann bald aufhören muß. Demnächst. Aber noch nicht gleich. Dazwischen immer wieder die Platte abgelaufen. Wie schnell alles geht. Und schon immer schneller. Schreib weiter! Beim Schreiben in der Wohnung herum. Wie auf einem leeren Schiff.“

Kurzeck schrieb immer gegen die Zeit an, das zeigt sich auch in diesem Roman wieder. Jede Minute der kostbaren Lebenszeit schien auf das Schreiben ausgerichtet. Er war ein akribischer Aufzeichner seiner Erinnerungen. Der 1943 in Tachau, Westböhmen Geborene floh mit Mutter und Schwester nach dem 2. Weltkrieg in den kleinen Ort Staufenberg in Hessen. Durch diese Ereignisse geprägt, war das Bewahren, das Nichtvergessen ein großes Lebensthema.

Wenn ich lese, schwingt immer auch Kurzecks Stimme mit. Seine unverwechselbare Art zu erzählen, die man wunderbar durch seine frei gesprochenen Hörbücher kennen lernen kann. Ich habe hier (https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/09/26/da-faehrt-mein-zug-peter-kurzeck-erzaehlt-hoerbuch-suppose/) bereits darüber geschrieben. Man muss das „alte Jahrhundert“ nicht in chronologischer Reihenfolge lesen. Man kann getrost überall anfangen. Gerade dieser Band eignet sich sogar gut, da der Text überschaubar ist und die angefügten Materialien einen aufschlussreichen Einstieg bieten.

Für mich Literatur, die leuchtet!

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2 Gedanken zu “Peter Kurzeck: Bis er kommt Stroemfeld Verlag

  1. Auch für mich ein Autor, der leuchtet. Wie du schon erwähnst, sind die gesprochenen Bücher einfach wunderbar. Kurzeck hat eine so eigene Art zu erzählen, der ich stundenlang zuhören könnte. Als jemand, der sehr lange in/um Frankfurt und nun in der Nähe von Giessen und auch im Dunstkreis von Buderus lebt(e), habe ich eine besondere Nähe zum Erzählten und durfte den Autor 2011 seinen damaligen Großroman „Vorabend“ vorstellen hören. Er war damals so überzeugt davon, seinen ganzen Romanzyklus tatsächlich auch vollenden zu können. Nun haben wir mit dem von dir vorgestellten Buch auch sein letztes in Händen. Ein Autor, der von möglichst vielen Lesern noch zu entdecken ist. Schön, dass du ihn vorgestellt hast.

    Gefällt 1 Person

    • Oh, ja, ich bin ein großer Fan von Kurzecks Erzählungen und es gibt ja zum Glück einige Hörbücher. „Da fährt mein Zug …“ habe ich auch im Blog schon vorgestellt. Kurzeck war wirklich ein besonderer Autor. Aus dem Nachlass, also aus Notizen etc. wird Stroemfeld noch weitere Bände herausbringen. Die Verleger kannten Kurzeck ja sehr gut.
      Viele Grüße!

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