Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten Diogenes/Salis Verlag

Der Schweizer Thomas Meyer hat ein höchst amüsantes Buch geschrieben, welches mir nicht zuletzt aufgrund des hinreißenden Sprachwitzes sehr gut gefallen hat. Das Thema interessierte mich zunächst nicht besonders, ich bin kein großer Fan preußischer Historie, aber einmal hinein gelesen, begeisterte mich die Geschichte um die „gesammelten Riesen“ des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm I. doch sogleich.

Friedrich Wilhelm wurde 1713 König und agierte konsequent gegenteilig zum Regierungsstil des Vaters. Radikale Sparmaßnahmen und der Ausbau der Armee waren die Folge. Der Lustgarten des Schlosses in Potsdam wurde zum Exerzierplatz. Die eigenwillige Marotte, sich eine Leibgarde aus besonders groß gewachsenen Soldaten zu halten, die „Langen Kerls“, ist dann auch Thematik des Romans.

In wunderbar skurriler Weise und in einer Sprache, die wohl zur Zeit Friedrich Wilhelms üblich war, erzählt Thomas Meyer von der gar schwierigen Beschaffung dieser besonderen Spezies aus aller Herren Länder. Der König, sonst sparsam, war bereit für diese Sammelpassion durchaus auch große Mengen Taler auszugeben. Männer, die wegen ihrer Körpergröße aus ihrem Leben entführt und unter der Fuchtel des militärverrückten Königs zu perfekten Soldaten gedrillt werden: Das mutet einen heutzutage befremdlich und unwirklich an.

Hauptprotagonist ist, neben Ihrer Majestät natürlich, der 6 Fuß, 10 Zoll messende Gerlach, der sich wie seine Mitstreiter, keineswegs zum Soldaten berufen fühlt. Der Sachse fügt sich nach seiner Entführung widerwillig in die Garde ein, immerhin ist er als einer der Lieblings-Riesen komfortabel im Schloss untergebracht. Als er in Potsdam der schönen hoch gewachsenen Bäckerstochter Betje begegnet, sind beide sofort entflammt, aber sich auch der Aussichtslosigkeit einer weiteren Annäherung bewusst.

Ins 18. Jahrhundert versetzt, erlebt der Leser mit, wie der König seine Soldaten drillt,  in seinem „Tabakscollegium“ Hof hält und den bedauernswerten Wissenschaftler Professor Gundling demütigt und immer wieder zum Hofnarren degradiert, beim offiziellen Treffen mit Zar Peter aus Russland mal eben so als Gastgeschenk das Bernsteinzimmer gegen „Moscowiter Riesen“ austauscht, sich in der Sommerfrische in Wusterhausen dem Jagdvergnügen hingibt und nicht zuletzt freudestrahlend neue Riesen in Empfang nimmt.

„Das sechs und zwanzigste Capitel
Worin Henrikson versuchet, den König vom Leben zum Tode zu bringen

Fast wöchentlich trafen neue Riesen in Wusterhausen ein.
Der König war nicht nur ob ihrer Ankunft enthusiasmiert, sondern auch ob der Schilderung der mitunter tollkühnen Umstände, die zu ihrer Ergreifung geführt hatten. […] Hörte Friedrich Wilhelm solche Geschichten, wurde er ganz elektrisch, sprang vom Stuhle auf, umarmte den Erzähler, küsste ihm die Wangen, prostete ihm zu und überschüttete ihn mit Geld, Promotion und Orden.“

So ist die Sprache durchgängig im ganzen Buch. Das ist natürlich ein gelungener Kniff des Autors, denn es trägt dazu bei, sich in die königlich preußische Welt zu versetzen.

„Oh. Er kann nicht lesen?“
Gerlach schüttelte vorsichtig den Kopf.
„Er wird es später lernen“,  winkte Friedrich Wilhelm ab. „Für die Religion und das Militair braucht man es. Ansonsten ist es eine Blackscheißerei, zu nichts nutze.“
Gerlach nickte.
„Lesen ist etwas für die Belletristen“, sagte der König. „Eine unheimliche Bande. Sitzen mit ihren Büchern in den Sesseln, statt zu arbeiten!“

Wie schließlich Gerlach und Betje doch noch zusammenkommen, sogar auf Befehl des Königs, der aufgrund einer glorreichen Idee seines Leibarztes eine eigene „Riesenzucht“ beginnen will, erfährt der Leser im Verlaufe dieser köstlich kurzweiligen Lektüre…

Ein Dankeschön geht an die Buchhandlung Ocelot in Berlin, die mich auf diesen Autor durch ihre Lesung erst aufmerksam machte. Thomas Meyer, geboren 1974, lebt in Zürich, sein Buch erschien im Salis Verlag, inzwischen ist es auch als Taschenbuch im Diogenes Verlag erhältlich.

 

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2 Gedanken zu “Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten Diogenes/Salis Verlag

  1. Das Buch über Kaiser Wilhelm I. und die langen Kerls hätte ich mir fast gekauft. Ich fand nun deine Rezension deshalb sehr erfrischend, da du ehrlich sagst, dass offensichtlich das Buch des Autors in der eventuell vorhandenen Sprache verfasst wurde. Falls der Soldat Gerlach, was anzunehmen ist, sächsisch gesprochen hat und ich als Badener diese Sprache zwar verstehe, aber nicht alles, dürfte es mal wieder ein Babelturm gewesen sein, wenn in dieser Söldnerarmee lange Kerls aus ganz Europa versammelt waren. Dabei ist dies wie in modernen Unternehmen oder vielleicht sogar Fussballclubs, dass die Spieler einfach englisch reden. Die Idee des Autors ist super und vielleicht versuche ich doch noch diesen offensichtlich kurzweiligen Roman zu lesen. Danke für die Rezension
    Oliver Buch

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    • Mit Sprache ist nicht Sprachen oder regionale Dialekte gemeint. Es ist einfach in der damals vermutlich üblichen für heute ungewohnten deutschen Sprache verfasst, aber auch nicht durchgehend , sondern vor allem in den Dialogen. Keine Sorge, es lässt sich dennoch sehr leicht lesen, hat aber dadurch etwas ganz besonderes.
      Viele Grüße!

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