Annette Pehnt: Briefe an Charley Piper Verlag

DSCN1023

„Ich werde also in diesem neuen Jahr nichts anderes tun können, als zu schreiben, ich werde davon schreiben, wie ich dir schreibe, und das so lange, bis es mich überholt und kalt aus der Kurve schleudert: dann werde ich aufhören (oder dich wiederfinden).“

Hätte ich nicht kürzlich zufällig eine begeisterte Rezension in der „Welt“ zu Annette Pehnts neuem Roman „Briefe an Charley“ entdeckt, wäre dieses Buch wohl nicht in meine Hände gelangt – der Titel sprach mich so überhaupt nicht an. Welch ein großer Verlust wäre das gewesen! Und ich merke einmal mehr, wie wichtig Buchkritiken sein können. Gerade deshalb möchte ich meine Freude über diese überraschende Entdeckung hier gerne teilen.

Ich kenne von Annette Pehnt bereits „Ich muss los“ und einige andere ihrer Romane, die mir in ihrer Eigenart sehr gefielen. Dieses Buch scheint mir allerdings etwas ganz Besonderes. Was zunächst wie ein Liebesroman in Briefform anmutet, entpuppt sich als Glanzstück über das Schreiben und seine Möglichkeiten und über die Um- und Be-Deutung der Liebe. Und es ist in meinen Augen eine Hommage an die große Dichterin Friederike Mayröcker. Pehnt bzw. ihre Protagonistin bezieht sich in ihrem Briefeschreiben dann auch oft auf deren Prosawerk “ Brütt oder die seufzenden Gärten“. Obgleich ich einiges von Mayröckers Lyrik gelesen habe, kannte ich dieses Buch noch nicht, sogleich wurde es zur geeigneten Parallellektüre (große Empfehlung!).

Pehnts Protagonistin entschließt sich erneut an Charley (tatsächlich erinnert er mich ein wenig an die Hauptperson aus „Ich muss los“) zu schreiben, mit dem sie nach vielen Jahren der Trennung (und vielen Briefen) noch immer nicht abgeschlossen hat. Was daraus entsteht, mutet im Lesen wie ein Tagebuch an, ein an sich selbst schreiben (sind es wirklich Briefe an Charley, werden sie jemals abgeschickt?). Sie lamentiert, philosophiert, jammert, kommentiert, reflektiert, sinniert, erinnert und verliert dabei so manchen roten Faden. Doch die Abschweifungen sind wichtig, auch wenn sie in sogenannten „schlechten Geschichten“ enden, die zum Beispiel davon berichten, wie unsichtbar ein Mensch werden kann, sobald ihm der Partner abhanden gekommen ist.
In weiteren Sequenzen, die sie „Versuch über Charley“ nennt, erfindet sie ihn neu, dichtet ihm Lebensumstände an, gerade wie es ihr gefällt.

Jeder Tag, jeder Brief, jedes Kapitel ist mit einem Zitat aus „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von Roland Barthes überschrieben. Es scheint, als benutze sie die Stichwörter Stummheit, Begegnung, Drama oder Erwartung als Anregung für das eigene Schreiben, ein im Schreiben sich entlanghangeln an den verschiedenen Stadien einer Liebe, das Schreiben wird zum „Abarbeiten“, die Entwicklung offenbart sich dem Leser von Brief zu Brief. Über allem liegt das Erinnern, aber auch eine Unsicherheit über die Richtigkeit des Erinnerns.

„Soviel wir immer geredet haben: das Schweigen, schreibe ich an CHARLEY, gut, das hätte noch Zeit gebraucht. Wir hätten es ja ausprobieren können, herumgehen, draußen, bei Regen, oder Musik spielen, oder einfach nur liegen und schauen, ich sage es ja, die Umarmungen: die hätten wir probieren sollen. Aber es gab so viel zu reden, und dann war schon die Zeit vorüber, und vielleicht: eine Angst vor dem Abreißen der Sprache, denn was passiert dann.“

Ich habe das Buch sehr ins Herz geschlossen. Die Autorin spricht meine Sprache. Besonders gelungen: Das Kapitel mit dem Stichwort Umarmung: ihre Idee: „das Leben als Geschichte von Umarmungen“. Oder: Im Brief vom 16. Januar: „Was Charley kann (konnte)“, wo ich merke, dass sich Pehnts Schreiben gerne in Richtung Lyrik bewegt, wie auch die Ich-Erzählerin einen verborgenen Wunsch dieser Art äußert. Für mich verschmelzen dann auch Autorin und Protagonistin miteinander. Die ewige Frage „Ist der Roman autobiografisch?“ kommt mir in den Sinn, wird aber letztlich unwichtig unter dem tiefen Eindruck des Gelesenen. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Herbst 2015 im Piper Verlag, wo auch die älteren Romane von Annette Pehnt verlegt wurden.
Ein aufschlussreicher Essay von Annette Pehnt ist hier zu lesen: http://www.piper.de/aktuelles/buchblog/essay-annette-pehnt

Advertisements

6 Gedanken zu “Annette Pehnt: Briefe an Charley Piper Verlag

  1. Sehr schöne Besprechung, dieses Buches, das ich momentan ebenfalls lese … ja, dieser Versuch, sich dem Geschehenen schreibend anzunähern, dabei aber auch immer die eigene Wahrnehmung hinterfragend … das gefiel mir gut, das kennt man ja auch selbst aus ähnlichen Lebensphasen. Danke auch für den Hinweis auf das Essay!

    Gefällt 1 Person

  2. Diese wunderbare Empfehlung wandert sogleich auf meine Wunschliste. Es wäre schön, wenn der Briefroman, allgemein das Medium Brief in der Literatur wieder Bedeutung erfährt – auch als eine Art Gegenreaktion auf die hektischen digitalen Zeiten, die diese Form der Kommunikation gefühlt an den Rand drängen. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s