William Boyd: Die Fotografin Berlin Verlag

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Ein typischer Boyd, im besten Sinne!
Ziemlich zuverlässig liefert der Brite beinah jedes Jahr ein neues Buch. Und es ist immer Unterhaltung auf hohem Niveau. Ich lese, seit ich auf Boyds großartiges 700-Seiten-Werk „Die neuen Bekenntnisse“ gestoßen bin, was ich nach wie vor neben „Eines Menschen Herz“ als sein stärkstes Buch empfinde, jeden neuen Roman und immer mit größtem Vergnügen. Gerade erschien nun „Die Fotografin“ und auch hier greift Boyd wieder seine Lieblingsthemen auf. Passenderweise hat Boyd, der alte anonyme Schwarzweiß-Fotografien sammelt, für dieses Buch einige ausgewählt und stimmig in die Romanhandlung eingefügt, ohne dass sie das Entstehen eigener Bilder stören würden.

Die Geschichte der Fotografin Amory Clay beginnt im Jahre 1908. Clay selbst erzählt tagebuchartig in Rückblenden von ihrem Alterswohnsitz, einem schottischen Cottage, aus ihre Geschichte. Sie wächst heran mit zwei kleineren Geschwistern, der Vater mäßig erfolgreicher Schriftsteller, die Mutter kümmert sich um die häuslichen Angelegenheiten. Im Alter von 7 Jahren schenkt ihr der Onkel, ein „Gesellschaftsfotograf“, ihre erste Kamera. Seitdem wird sie die Leidenschaft zu fotografieren nie verlieren. Bereits im Internat richtet sie sich eine Dunkelkammer ein und überrascht die Direktorin mit der Aussage Fotografin werden zu wollen.
Nachdem ein tragischer Vorfall das Verhältnis zum Vater erschüttert, beginnt sie ihr eigenes Leben und geht bei ihrem Onkel in London in die Lehre. Um bekannt zu werden reist sie nach Berlin. Die Ausstellung ihrer provokanten, „obszönen“ Bilder nach der Rückkehr macht sie zwar bekannter, löst in London allerdings einen Skandal aus. Sie ergreift das Jobangebot des Redakteurs eines Fotomagazins (obgleich verheiratet wird er dann auch die erste Liebe ihres Lebens) und folgt ihm in die USA. Von dort aus führen Sie ihre Wege wieder zurück nach London, nach Südamerika, nach Paris, kurz vor Kriegsende an die Front nach Deutschland, wo Sie ihren zukünftigen Mann, einen Offizier und schottischen Adligen trifft.
Nach turbulenten Zeiten hofft Clay nun auf ein ruhiges Leben an der Seite ihres Gatten auf dem schottischen Landsitz, doch alles entwickelt sich anders, als vorgestellt. Ruhelos und um eine schwierige Zeit hinter sich zu lassen, beginnt sie wieder zu arbeiten. Es drängt sie nach Vietnam, um dort den Krieg zu fotografieren und um besser nachvollziehen zu können, was die kriegstraumatisierten Männer in ihrem Leben prägte.

„Fehler lassen sich nicht voraussehen, das liegt in der Natur der Sache. Also habe ich mir die Frage gestellt: Was ist das Gegenteil eines Fehlers? Und dabei habe ich gemerkt, dass dafür kein entsprechendes Wort existiert, genau aus dem Grund, weil Fehler sich stets aus besten Absichten ergeben, die dann ins Gegenteil ausschlagen. Man kann es nicht bewusst darauf anlegen, einen Fehler zu machen. Fehler geschehen einfach – daran können wir nichts ändern, es entzieht sich unserem Einfluss.“

Oft unterwegs im Grenzgebiet zwischen Leben und Tod, beschließt sie selbstbestimmt wie ihr Leben war auch dem Tod zu begegnen und an ihrem 70. Geburtstag ihr Leben „von eigener Hand“ zu beenden …

Boyle gelingt es wie immer mitreißende Lebensgeschichten zu erzählen (siehe auch die frei erfundene Künstlerbiografie „Nat Tate“). Selbst nach reichen 560 Seiten war es mir noch nicht genug. Zum Inhalt habe ich hier viel weniger geschrieben, als es zu sagen gäbe, aus dem einfachen Grund, den Lesegenuss nicht zu schmälern, die Spannung zu erhalten.

„Die Fotografin“ ist soeben im Berlin Verlag erschienen, so wie auch Boyds vorherige äußerst empfehlenswerte Romane.

Ein wunderbares Interview mit William Boyd, aus dem ich unter anderem erfuhr, dass er einen Großteil seiner Manuskripte mit der Hand (!) schreibt, ist hier zu sehen:
http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/william-boyd-die-fotografin-100.html

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6 Gedanken zu “William Boyd: Die Fotografin Berlin Verlag

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