Teresa Präauer: Johnny und Jean Wallstein Verlag

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Auf dem Cover von „Johnny und Jean“ sieht man Johnny. Wendet man das Buch, taucht auf der Rückseite der Schattenriss einer Gestalt auf. Das ist Jean. Durch Sprechblasen sind beide comicartig im Dialog verbunden:

„Jean, du wolltest mir doch nichts vorlügen?“
„Nicht lügen, Johnny, ich wollte die Ereignisse des Abends ein bisschen auffrisieren.“

Das Coverbild hat Teresa Präauer selbst gemalt. Sie studierte neben Germanistik auch Malerei. Ich finde gerade bei diesem Buch das Cover erwähnenswert, weil es sogleich einen trefflichen Eindruck über die Machtverhältnisse zwischen den beiden Hauptfiguren des Romans liefert.

Die beiden kommen vom Dorf, froh, endlich von zuhause weg zu sein, in die zweitgrößte Stadt des Landes um Kunst zu studieren. Der eine mit dem selbst gewählten französischen Vornamen Jean, der andere nennt sich nun Johnny. Der eine ist ein großer Selbstdarsteller, was ihn mit seiner Kunst schnell katapultartig nach vorne bringt. Der andere, der Stille, der die Aufnahme an der Hochschule erst im zweiten Anlauf schafft.

Der Ich-Erzähler Johnny ist ein rechter Tagträumer, seine „zart getuschten“ Fisch-Bilder reißen keinen vom Hocker. Er fantasiert sich in eine Freundschaft mit dem von ihm bewunderten Jean, möchte endlich gesehen werden. Doch erst eine eifersüchtige Prügelei um eines Mädchens Willen scheint die beiden dann zusammen zu bringen. Doch Jean ist nicht greifbar, ist überall und nirgends.
Aus den Gesprächen der beiden erfährt der Leser künstlerische Details zum Aktzeichnen, Wissenswertes über Hockney oder Alex Katz, über Caravaggio oder Cranach – „Wenn nichts mehr hilft, hilft Cranach“ oder wie ein Steindruck hergestellt wird, zumindest die Druckplatte, denn vor der Vollendung des Werks lässt der unberechenbare Jean Johnny schon wieder hängen.

Während Jean bereits in der großen Stadt in einer Galerie erfolgreich seine Werke ausstellt, anschließend in New York (New York war immer Johnnys Traum),  „erscheinen“ in Johnnys kleiner Studentenbude derweil große Künstler, wie zunächst Dali, später Duchamp, mit denen er tröstliche Gespräche führt.

„Und sag deinem Freund Jean, dass man für die Kunst manchmal auch den Zweifel braucht. Und die Einsamkeit und das Nachdenken. Oder irgendsowas.“

Zugleich lese ich allerlei Interessantes aus der neueren Kunstgeschichte, und über die innere „Zwiesprache“ Johnnys, mit einer bekannten Kunstkritikerin namens Mary. Oft wird das Leben der Kunststudenten mit einem Stück aus Kunst, Literatur, Film oder Musik `übermalt´, was mir großen Spaß machte beim Lesen.
Und man erhält einen kleinen Einblick wie es auf dem heutigen Kunstmarkt so läuft …

„Akt, eine Treppe herabsteigend?!
Was der kann, kann ich auch!, rufen die Museumsbesucher, während sie vor diesem Bild stehen. Oder vor dem Urinal des Marcel Duchamp. Oder vor den Demoiselles des Pablo Picasso.
Ja. Die Betrachtung von Kunst macht den Menschen Mut, denke ich.“

Schließlich hat auch Johnny seine erste Ausstellung in den Räumen der Hochschule, drei seiner inzwischen weiter entwickelten Fisch-Bilder finden einen Käufer, einen Mineralwasserabfüller, der passende Kunst sammelt. Die Wege führen nun auch ihn in die große Stadt und schließlich endlich auch nach New York. Alles ohne Jean, der ist abgetaucht und bleibt verschwunden. Oder hat es ihn nie gegeben?

Präauers Roman hat mir sehr gefallen. Er lebt von der enormen Fantasie der Autorin. Sie ist eine Wortspielerin, beherrscht eine frische, ironisch-witzige Sprache und weiß, wie mit Rhythmus im Text umzugehen ist. Letzteres hat sie auch beim vergangenen Bachmann-Wettlesen mit ihrem Text „Oh Schimmy“ bewiesen. Leider ist sie bei dem komplizierten Abstimmungsverfahren immer wieder „durchgerutscht“ und ohne Preis geblieben, obgleich die Jury den Text gut aufnahm.

Mehr über die 1979 geborene Österreicherin, sowie ihren Text vom Bachmann-Wettbewerb 2015 findet man auch hier:
http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709019/

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3 Gedanken zu “Teresa Präauer: Johnny und Jean Wallstein Verlag

  1. Liebe Marina,
    das ist eine wirklich schöne Rezension. Ich mochte das Buch auch sehr gern (http://poesierausch.com/2015/07/26/teresa-praeauer-johnny-und-jean/).
    Irgendwie ist das mal was anderes und ich konnte mein Kunstwissen ein bisschen auffrischen. Viele Kritiker_innen haben ja das permanente Namedropping bemängelt, aber ich finde, das ist gerade das Besondere an dem Buch und unterstreicht den einzigartigen Stil von Präauer.

    Ganz liebe Grüße
    Juliane

    Gefällt 1 Person

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