Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit Literaturverlag Droschl

Traurige-Freiheit_803 cover

„Alles war möglich, immer wieder hatte sie das gehört. Aber nie hatte sie daran gedacht, dass das auch das Scheitern implizierte. Niemand dachte daran, dass auch das Scheitern eine Möglichkeit war.
Wie hatte sie nur nicht daran denken können? Wenn alles möglich war, war eben auch das Verlieren möglich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen würde?“

„Traurige Freiheit“ ist tatsächlich ein trauriges Buch. Und es macht traurig oder zumindest sehr sehr nachdenklich. Dies als Vorwarnung!

Wie ist das wirklich mit der Freiheit? Erreichen wir alles, wenn wir nur wollen?
Friederike Gösweiner erzählt davon. Sie schickt ihre Protagonistin als angehende hoffnungsfrohe Journalistin in ihre Geschichte und lässt sie als desillusionierte, lebensmüde Kellnerin wieder heraus …

Die 29-jährige Hannah hat ein Angebot für ein Praktikum bei einer Berliner Zeitung bekommen. Das Problem ist, dass sie mit ihrem Partner Jakob weitab in einer Kleinstadt lebt. Jakob hat eine gute Arbeit als Kinderarzt im Krankenhaus vor Ort. Er möchte nicht, dass Hannah nach Berlin geht, er sieht damit das Ende der Beziehung kommen. Hannah ist allerdings nicht bereit auf diese Chance zu verzichten und geht nach Berlin. Es kommt zum Bruch zwischen beiden, doch der Kontakt bricht nicht völlig ab, die beiden schreiben sich weiterhin.

Hannah wohnt in Berlin in der Wohnung ihrer besten Freundin, die gerade in Moskau eine Stelle gefunden hat. Das Praktikum ist schnell vorbei.Doch es folgen keine Anstellung, keine Aufträge. Dennoch beschließt Hannah zu bleiben. Sie sucht beharrlich weiter. Und doch: Jede Bewerbung wird abgelehnt mit dem üblichen Standardtext. Hannah gerät ins Abseits, Angstattacken und Schlaflosigkeit sind stete Begleiter. Sie kennt niemanden in der Stadt, Kollegen sind immer nur Konkurrenz, es entstehen keine neuen Kontakte, einziger Halt, der virtuelle Austausch mit der Freundin in Moskau. Der mit hohen Erwartungen verbundene Versuch in die Lehrredaktion einer großen Zeitung zu kommen scheitert.

„Der Chefredakteur brach die Stille und erklärte, dass es sich im Grunde ja um eine Ausbildung handle, sie sich also als Azubis betrachten müssten. Ein Lehrlingslohn sei im ersten Lehrjahr auch nicht höher. Wer nicht über die finanziellen Mittel verfüge, der könne um Stipendien ansuchen, um einen Bildungskredit, es fänden sich doch immer Mittel und Wege, wenn man nur richtig wolle. Ihnen gehe es darum, dass an dem Programm nur diejenigen teilnähmen, die das auch richtig wollten.“

Dies ist der Punkt, an dem Hannah aufgibt, von Selbstzweifeln zermürbt. Sie nimmt einen Job als Kellnerin an. Die Begegnung mit einem erfahrenen Journalisten aus Hamburg, der regelmäßig ins Cafe kommt, lässt sie neue Hoffnung schöpfen. Aber nichts kommt damit wirklich in in Bewegung, Stagnation ist der vorherrschende Zustand. Dann folgt ein Unfall und neue Nachrichten von Jakob – und Hannah fällt ins Bodenlose …

Gössweiners kurzer Roman betrachtet unsere aktuellen Arbeits- und Lebenswelten und stellt ein Schicksal in den Vordergrund. Zentrale Themen sind das Scheitern, das Fallen, das Abstürzen, aber auch die Einsamkeit. Sie schildert ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden. Dabei wirft sie Fragen auf, denen sich sicherlich viele, gerade junge Menschen heute stellen müssen.
Was ist das für eine Welt, in der wir uns zwischen Arbeit und Beziehung entscheiden müssen? In der wir nur durch übertriebene Selbstdarstellung, nicht durch Können und Wissen einen Job kriegen? In der wir als Arbeitsnomaden jedem, womöglich noch befristeten, unter- oder unbezahltem Job oder Praktikum hinterherreisen müssen?

Bei der Lektüre wurde ich oft an die Romane von Kristine Bilkau: Die Glücklichen und Anke Stelling: Bodentiefe Fenster (beide habe ich auch auf dem Blog besprochen) erinnert. Tatsächlich hat mir dieser Roman, durchgelesen an einem Tag, besser gefallen, weil er näher dran ist, an seiner Hauptfigur. Ein starkes Debüt!

„Traurige Freiheit“ ist der erste Roman der 1980 in Tirol geborenen Friederike Gössweiner,  er ist soeben im Droschl Verlag erschienen.
Ein interessantes Interview mit der Autorin gibt es hier:
http://www.srf.ch/sendungen/52-beste-buecher/traurige-freiheit-von-friederike-goesweiner

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8 Gedanken zu “Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit Literaturverlag Droschl

  1. Hach, wie schön, dass ich das kürzlich gelesene Buch bei dir entdecke und meine Leseeindrücke sich mit deinen gleichen. Mir hat »Traurige Freiheit« ebenfalls sehr gefallen. Keine erheiternde Lektüre, aber auch nicht zu sehr erdrückend, weil die Autorin immer einen kleinen, ganz kleinen, Hoffnungsschimmer leuchten durch die Nebelwand lässt.

    Die Geschichte liest sich flüssig, ist spannend, nur einmal dachte ich, jetzt passiert etwas, das mir nicht gefällt, weil es nicht passt (als Stein auftaucht und die Möglichkeit einer… entsteht – wir wollen hier mal nicht zu viel verraten, aber du weißt hoffentlich, was ich meine). Aber nein, Friederike Gössweiner, ist der Realität treu gelieben und hat einen mitreißenden, interessanten Roman geschrieben. Ein schönes Debüt und ein zeitgemäßes Buch für die heutige Generation 30.

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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  2. Jetzt habe ich das Buch auch gelesen, nachdem es ja für die österreichischen Debuts nominiert wurde. Ich, beziehungsweise mein Mann haben es schon länger gehabt, da er essozusagen in Leipzig am Österreich-Stand entdeckte.
    Ein deprimierendes Buch, wie schon Daniela Strigl sagte, als sie bei ihren Debuts im Sommer im Museumsquartier vorstellte.https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/07/29/o-toene-mit-viel-freiheit/
    Ich beschäftige mich ja schon sehr lange mit den prekären Arbeitsverhältnissen, habe auch eine zweiunddreißigjähre Tochter, die bei diesem Chancenzirkus mitmischen muß und wir können uns, die wir da so fleißig Buchpreislesen und Debuts auf eineListe stellen, die wir dann bewerten und zuerst drei und dann den einen auswählen und wenn es besonders schlimm zugeht, ihm grade mal fünfhundert Euro in die Hand drücken, an die Nase nehmen, tun wir da ja mit, wenn wir „And the winner is…!“, schreien und nicht an die anderen denken!
    Ich habe mir schon als ich Sacha Battyanys Buch gelesen habe und mir das von Katharina Winkler am Donnerstag https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/28/siebenter-alpha-literaturpreis/signieren ließ gedacht, daß man diese drei Bücher nicht vergleichen kann.
    Zuerst dachte ich ja Katharina Winkler wird, sowohl den „Alpha“ als auch den „Debutpreis“ bekommen und jetzt denke ich, wie wird es Friederike Gösweiner, die ja mit ihrem Debut sehr weit gekommen ist, da nächste Woche gehen, wenn sie den Debutpreis gewinnt oder gerade nicht bekommt!
    Ein sehr beeindruckendes Buch das man lesen und darüber nachdenken sollte, wie leicht man vom Gipfel abrutschen auf dem ja sowenig Platz ist, obwohl es alle nach oben versuchen müssen oder mit der Rolltreppe nach unten fahren kann!
    Liebe Grüße aus Wien, beziehungsweise Harland bei St. Pölten!

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