Ilma Rakusa: Aufgerissene Blicke Literaturverlag Droschl

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„Berlin und Schönheit: das ist zweierlei.“

Durch Terezia Moras Text für Ilma Rakusa in der NZZ wurde ich auf die Schriftstellerin und Übersetzerin aufmerksam. Anlass des Textes war der 70. Geburtstag der Autorin am 2.1. dieses Jahres, die kurz zuvor auch den Manès-Sperber-Preis verliehen bekam.

Ich wählte als erste Lektüre ihr Buch „Aufgerissene Blicke“, naheliegend auch, weil es um Berlin geht, die Stadt in der ich lebe. Rakusa war 2010/11 als Fellow am Wissenschaftlichen Kolleg in Berlin zu Gast und hat in Form eines Journals ihre Erlebnisse und Begegnungen dokumentiert, die sie mit eigenen Schwarz-Weiß-Fotografien ergänzt.

„Die Großstadt zerrt an der Aufmerksamkeit, stößt und piekt. Impulse von allen Seiten, permanentes floating. Das Auge scannt, das Ohr nimmt ungeschützt alle Reize auf. Sich verschließen bedarf einer eingeübten Technik. Ich beherrsche sie nur momentweise, wenn die Gedanken mich völlig in Anspruch nehmen. Dann gibt es diese schützende Verlorenheit (Versunkenheit), die gegen das Außen immunisiert.“

Sie hat einen sehr feinen Blick auf die Stadt, erzählt uns von tristen und hellen Tagen, vom Dunklen und auch vom Leuchten und vor allem auch vom Wandel der Stadt. Oft scheint hier der Zufall mit im Spiel, etwa wenn sie auf alte Bekannte trifft oder neue Entdeckungen macht. Sie speist zu Abend bei den Esterhazys, trifft sich mit Natascha Wodin, der Witwe Wolfgang Hilbigs und geht mit Elke Erb ins Museum, um Nofretete zu sehen. Sie erlebt den eisigen zugigen Winter in Berlin, aber später auch die warmen Abende, wenn im Freien Tango getanzt wird. Sie besucht auch die Orte, wo Geschichte geschrieben wurde und sie nimmt uns mit ins Theater zu Sasha Waltz oder ins Kino, sieht den Film über Friederike Mayröcker und bei der Berlinale „Nader und Simin“ und schon fühle ich mich zuhause.

Rakusa war zuvor bereits mehrmals in Berlin, schon als es noch geteilt war und nimmt die Veränderungen deutlich wahr, besonders in „Mitte“, wo sie wohnt. Eine Designer-Boutique an der anderen, ein neuer innovativer Laden, statt der alteingesessenen Kneipe. Der „Türkenmarkt“ am Maybachufer, immerhin, ist etwas was bleibt.

Dabei blendet sie politische Ereignisse nicht aus:

„Klar ist: die westliche Welt empört sich zwar über Assads brutales Vorgehen gegen die Aufständischen, doch intervenieren will sie nicht. Und so steigt die Zahl der Toten und Flüchtlinge, täglich, stündlich.

Aber auch die eigenen Befindlichkeiten nicht:

„Ein höckriger Morgen ist: brummender, unausgeschlafener Kopf; Nieselwetter: teeinfreier Spezialtee; Eile; unangenehme Traumreste, die sich mit dem Moment verhaken; Erwartungsdruck. Nein, es gibt keine Hilfskraft, keinen Tröster/Kümmerer, keine freudige Überraschung aus heiterem Himmel, kein Zipfelchen Zuflucht. Auch keinen Zaunkönig.“

Ilma Rakusa flicht immer wieder Sequenzen aus ihr naher Literatur und Poesie ein, stellt Verbindungen her, findet ihre eigene Lesart dieser Stadt und teilt sie mit dem geneigten Leser. Ich habe mich dabei sehr in meiner Sichtweise auf diese eigenartige Stadt bestätigt gefühlt.

Ilma Rakusa lebt in Zürich und hat ungarische und slowenische Wurzeln. Sie übersetzte z.B. Zwetajewa, Duras, Nadas. Ihre eigenen Essays und Erzählungen sind zuletzt im Droschl Verlag erschienen.

 

 

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2 Gedanken zu “Ilma Rakusa: Aufgerissene Blicke Literaturverlag Droschl

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