Nora Bossong: 36,9° Hanser Verlag

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In Nora Bossongs neuestem Roman begegnet der Leser Antonio Gramsci, dem berühmten marxistischen Philosophen und Politiker, einem begnadeten Denker und  Redner. Ein weiterer Teil des Romans widmet sich Anton Stöver, einem Zeitgenossen, der sich um die Forschung über Gramsci bemüht. Zwei Handlungsstränge also, zwei Männer als Hauptfiguren, die beinahe ein Jahrhundert trennt.

Die Geschichte setzt ein, als der 31-jährige Gramsci sich 1922 in Moskau aufgrund seines gesundheitlich schlechten Zustands in einem Sanatorium aufhält. Dort begegnet er der Russin Eugenia Schucht, deren Schwester Julia seine große Liebe wird. Der kleine und durch eine Krankheit verwachsene, nicht besonders ansehnliche Italiener, der bisher ausschließlich für seine Arbeit lebte, verliebt sich und wird plötzlich durch anderes als nur seinen Kopf gelenkt. Er hadert mit diesen starken Gefühlen, sieht er doch durch die Liebe zu Julia seine Arbeit gefährdet. Dennoch heiraten die beiden. Gramsci kehrt nach Rom zurück, um seine politische Arbeit fortzusetzen,  Julia folgt mit dem inzwischen geborenen Sohn und ihren beiden Schwestern Eugenia und Tanja.
Doch die politische Situation spitzt sich zu, so dass Gramsci Frau und Kind aus Vorsicht zurück nach Moskau schickt. Tanja unterdessen bleibt in Rom. Mussolini und die Faschisten gewinnen immer mehr Macht, die Kommunisten werden verfolgt. Schließlich wird Gramsci festgenommen und zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.
In der Haft verschlechtert sich Gramscis Gesundheitszustand rapide. Dort schreibt er seine berühmten „Gefängnishefte“ –  Denken und Schreiben als die einzige Möglichkeit nicht wahnsinnig zu werden. Er wird das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen …

„Soll er doch einmal Pirandello lesen, dann verstünde er, was hier vor sich geht, und wenn er nur ein wenig für sich nachdenken würde, dann verstünde er es auch: Dass Gramsci niemals nur mit Tanja reden kann, dass er durch sie mit seiner Familie spricht und mit Julia und mit der Partei. Tanja ist sein Sprachrohr nach Moskau, und auch wenn er mit Moskau nicht zu reden wünscht, wird Tanja es nicht verhindern können, sie ist alles, was noch an ihn heranreicht, außer den Gedanken aus den Büchern und den Briefen von Julia, eine Welt, die immer abstrakter wird, weil er sie nicht mehr mit Erfahrungen anreichern kann, weil sie bleiben muss, was sie ist, eine Buchstabenlandschaft, eine Sprachwüste, eine abstrakte Taubheit.“

Die andere Geschichte, die wechselweise erzählt wird, beschäftigt sich mit dem 46-jährigen Anton Stöver, einem Gramsci-Forscher, der sowohl als Wissenschaftler nichts erreicht hat, als auch in seiner Ehe gescheitert ist. Der von seiner 68er-Mutter geprägte, quasi vaterlos Aufgewachsenene, hält sich mit wechselnden Affären schadlos, während die Beziehung zu seiner Frau Hedda und seinem Sohn immer mehr in die Brüche geht. Auf einer Forschungsreise nach Rom, die eigentlich der Suche nach einem verschollenen „Gefängnisheft“ Gramscis dient, begegnet er immer wieder einer (imaginierten?) Frau, der geheimnisvollen, attraktiven Tatjana, sinniert über seine kaputte Ehe und verstrickt sich immer mehr in wirren Szenarien aus Gegenwart und Vergangenheit.

„Ich setzte mich auf den Bordstein auf der gegenüberliegenden Straßenseite, betrachtete die im leichten Wind sich wellende Hecke und sehnte mich nach Tatjanas Körper, ich sehnte mich nach der Hitze, die aus ihrem kleinen, festen Körper an meinen drang, ich sehnte mich danach, meinen Kopf auf ihren Bauch zu legen, sie würde mir durch die Haare streichen und beruhigend auf mich einreden, und all das Unbehagen, das mir Golubew eingeflößt hatte, oder war es Brevi, oder war es doch Hedda gewesen, würde sie von mir abklopfen wie Staub von einem Mantelärmel.“

In vielen Rezensionen wurde der Teil des Romans, in dem es um Stöver geht, als schwach oder gar unnötig dargestellt. Das mag daran liegen, dass dieser Stöver ein durch und durch unangenehmer Typ ist. Dennoch finde ich die Episoden um Stöver wichtig, da sie Geschichte und Gegenwart in spannender Weise miteinander verknüpfen.

Fakt ist, dass Nora Bossong richtig gut schreiben kann! Und vor allem auch über die Liebe, das ist ihr eindrücklich gelungen. Geschickt und klug führt sie den Leser in die Welt von Gramsci ein, weiß, was wichtig ist und wie es auszudrücken ist. Auch Stövers Welt, so unsympathisch sie mir auch ist, kommt mir nahe. Mit ihrer Sprache schafft sie Räume für die Protagonisten, Bossongs Figuren sind äußerst lebendig. Mit kleinen Wortspielereien, ausgeklügelten Sätzen, díe aber keiner Leichtigkeit entbehren, lässt sie diesen Roman zu einem vortrefflichen Lesegenuß werden.

Nora Bossong, Jahrgang 1982, schreibt Gedichte, Romane und Essays. Ihre Bücher erscheinen im Hanser Verlag.

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