Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag

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Attention! Mademoiselle betritt die Bühne!
Der neue Roman der Französin Julia Deck ist wie ein französischer Film – bilderstark, verwirrend und einfach nur hinreißend!

Decks Roman „Winterdreieck“ ist trotz seiner Kürze ein Buch voller Fülle. Der Titel des Buches bezieht sich auf eine Sternenkonstellation am winterlichen Nachthimmel. Und über die drei Wintermonate hinweg spielt auch der Roman an drei verschiedenen Orten in Frankreich, aber hauptsächlich geht es darin um eine menschliche Dreiecksbeziehung.

Unsere Heldin ist Mademoiselle, eine junge Frau, die genug hat von ihrem stupiden Leben in der Hafenstadt LeHavre. Die Aussicht auf weitere Jobs in der Zeitarbeitsfirma hat sie durch ihr rebellisches Wesen gründlich verpatzt. Sie verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen von ihrer Beraterin in der Arbeitsagentur. Zum Glück hat Mademoiselle viel Fantasie.

Bérénice Beaurivage wird sie sich zukünftig nennen und als Romanschriftstellerin ausgeben. Diesen so klangvollen Namen entlehnt sie aus einem Film von Eric Rohmer. Auf unkonventionelle Weise verschafft sie sich auch noch eine neue Garderobe und ein kleines Budget für die bevorstehende Reise. Sie fährt nach Saint-Nazaire, auf den Spuren des geheimnisvollen Kreuzfahrtschiffs „Sirius“ und lernt einen Mann kennen. Der Schiffsinspektor ist hingerissen von Bérénice, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und bezahlt alle Rechnungen. Doch je näher die beiden sich kommen, desto mehr gerät Mademoiselles Konstrukt ihrer neuen Identität ins Wanken. Durch unbedachte Äußerungen bringt sie sich in Teufels Küche. Und dann ist da ja noch Blandine Lenoir, ihre Konkurrentin …

„Es reichte nämlich, dich im Internet zu suchen. Denn da kam nichts. Es gibt keine Bérénice Beaurivage. Außer im Kino, in einem Film aus dem Jahr 1993. Du bist eine Figur, eine Figut aus einer dramatischen Komödie, die vor über zwanzig Jahren gedreht wurde, und du bist kein bisschen älter geworden, ich würde sogar sagen, dass du noch jünger wirkst, denn es stimmt, dass du dieser Schauspielerin ähnlich siehst. Nein, tu bloß nicht so, als würdest du an deinem Sandwich ersticken, so leicht kommst du mir nicht davon.“

Und die Geschichte, die da so hoffnungsvoll begann, sich über Marseille bis nach Paris, schon aus dem Ruder gelaufen, hinzog, platzt wie eine Seifenblase und Mademoiselle findet sich schlussendlich wieder in LeHavre. Doch sie ist eine andere geworden. Ist sie das?

Julia Deck spielt mit den Identitäten, lässt sein, was dann plötzlich wieder Schein ist. Oder Lug und Trug. Oder Fiktion oder wildeste Fantasie. Geht man mit mit dieser Geschichte, die in einer frischen, Mademoiselle gemäßen Sprache, verfasst ist, hat man sich sehr schnell selbst erwischt, bei dem Wunsch, mal eben die eigene Wirklichkeit Wirklichkeit sein zu lassen und in eine andere (vielleicht glamourösere Film- oder Schriftsteller-)Persönlichkeit zu schlüpfen. Oder aber zumindest Lust zu bekommen, mal wieder einen französischen Film anzusehen …

Das Buch ist witzig und schräg, dennoch lese ich auch gesellschaftskritische Untertöne heraus, doch das steht bei dieser Lektüre kein bisschen im Widerspruch.
Ein Leuchten!

Julia Decks Roman, von Antje Peter übersetzt, ist im Wagenbach Verlag erschienen, ebenso wie der 2013 erschienene Roman „Viviane Elisabeth Fauville“, den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.

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4 Gedanken zu “Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag

  1. Ich bin mittlerweile auch zu einem großen Fan französischer Geschichten geworden – ob als Film oder als Buch. Ich habe oft das Gefühl, dass die Franzosen einfach näher dran sind am Leben, an den Lebensgeschichten, den Menschen. Vielen Dank deshalb für diesen tollen Lesetipp. Viele Grüße

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