Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin Piper Verlag

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„Seit wir aus dem Lager raus waren, hatte ich mir eine Katze gewünscht. Da war ich fünf gewesen. Dies war der dritte Geburtstag, an dem ich keine bekommen würde.
Man gewöhnt sich an Enttäuschungen, aber auf Dauer machen sie, dass man sich kalt und leer im Inneren anfühlt und anfängt den Mut zu verlieren.“

Was uns Birgit Vanderbeke hier in so kindlich flapsiger Sprache erzählt, ist in Wirklichkeit starker Tobak. So beginnt der Roman mit dem 7. Geburtstag der Hauptfigur, die uns gleich mitteilt, dass sie auch an diesem Geburtstag wieder keine Katze geschenkt bekommen wird. Denn die Eltern wissen seit jeher besser, was die Tochter sich wirklich wünscht.

Der Roman spielt in den 60er Jahren. Die Mutter, die sich nach dem Tod ihres Verlobten, einem Gutshausbesitzer, der im Kriege gefallen ist, als „übrig gebliebene“ Unverheiratete in den Westen träumt, heiratet schließlich einen wesentlich jüngeren Mann, den Vater ihres Kindes. Der treibt sich eigentlich lieber in Westberliner Studentenkneipen herum, als Ehemann und Familienvater zu sein. Die Mutter flieht mit dem Kind aus dem Osten, der DDR, in den goldenen Westen. Der Vater folgt schließlich ins Notaufnahmelager nach.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Kindes erzählt. Das Kind hat eine sehr viel klarere Sicht auf die Dinge, als die Mutter, die alles verklärt. Der Westen – das Land der Verheißung, bleibt für die 7-jährige ein dunkler Ort. Das Kind kann es den Eltern nie recht machen, weil die Eltern selbst unzufrieden sind. Auch Teakholzmöbel, Fernseher und Auto helfen nicht, wenn die Ehe längst zerrüttet ist.
Was man immer ahnt doch zunächst nur zwischen den Zeilen liest, wird erst spät im Verlauf des Romans ganz deutlich ausgesprochen: Der Vater ist gewalttätig, verprügelt die Tochter. Die Mutter unternimmt nichts dagegen. Das Mädchen ist allein und allem ausgeliefert. Wie kann ein Kind das aushalten?

Wenn man lesen kann, kann man zaubern und sich in alle Länder in der ganzen Welt versetzen oder in Tiere verwandeln oder plötzlich in einer anderen Zeit sein als der, in der man lebt. Man kann nach Belieben herumreisen, als gäbe es keine Zäune und Grenzen und Mauern, an denen es nicht weitergeht, man wird nicht verhaftet, eingesperrt oder erschossen, und wenn es einem gerade nicht gefällt in der Zeit, in der man zufällig lebt, geht man eben zurück in eine andere …“

Das Mädchen lernt lesen. Es hat ein Buch geschenkt bekommen, von einem vertrauten Bekannten aus dem Übergangslager – „Die Zeitmaschine“. Nicht alles versteht sie in dieser Geschichte, doch das Grundlegende, was Lesen ausmacht schon. Das Abtauchen in andere Welten als Flucht aus dem wirklichen Leben.

Am Geburtstag  singt die Mutter ein altes Kinderlied: „Wir freuen uns, dass du geboren bist und hast Geburtstag heut …“ Das Kind sieht das Lied als Beweis der Verlogenheit der Eltern. Statt einer Katze bekommt es einen Globus als Geschenk. Aber der geht gleich am selben Tag durch eine Unachtsamkeit zu Bruch und das ist für den Vater Anlass genug, das Kind zu bestrafen. Es setzt Prügel, selbst am Geburtstag, an dem sonst immer alles glimpflich ausging.

In dieser Nacht ist alles anders. Das Kind macht eine fantastische Traumreise. Der unerträgliche Schmerz verwandelt sich. Es gebt ums Überleben. Und es kommt Hilfe aus der Zukunft. Da gibt es plötzlich eine starke Stimme aus dem Inneren.

Vanderbeke gelingt hier ein eindringliches Porträt einer (ihrer?) Kindheit, in einer Sprache geschrieben, die die Schrecknisse zunächst abfedert, sie jedoch umso stärker nachwirken lässt. Die 150 Seiten sind schnell gelesen, aber lange nicht verdaut …

Vanderbeke wurde vor allem bekannt durch „Das Muschelessen“ und „Alberta empfängt einen Liebhaber“. Ihr neuer Roman ist soeben im Piper Verlag erschienen und landete sogleich auf der SWR-Bestenliste.

Passende empfehlenswerte Ergänzungslektüre:
Beim Lesen erinnerte ich mich sofort an den Roman „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf, der ebenfalls eine schwere Kindheitsgeschichte erzählt, die allerdings in diesem Fall in der DDR, aber etwa zur gleichen Zeit spielt.

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5 Gedanken zu “Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin Piper Verlag

  1. Liebe Marina,
    da hast Du den Roman nun so eindringlich beschrieben – und seine Wirkung -, dass der wohl nun ganz schnell nicht nur auf meine Leseliste, sondern auch auf meinen physischen Lesestapel wandert! Vielen Dank dafür!
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

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