Deborah Feldman: Unorthodox Secession Verlag

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„Heimlich warte auch ich darauf, durch ein Loch hindurch ins Wunderland zu fallen oder durch die Rückwand eines Kleiderschranks nach Narnia zu gelangen. Welche anderen Möglichkeiten sollte ich in Betracht ziehen können? In dieser Welt werde ich bestimmt niemals zu Hause sein.“

Heimlich stiehlt sich das Mädchen in die öffentliche Bibliothek, um Bücher zu lesen, die ihr sonst verboten sind, Bücher in englischer Sprache, „unkoschere“ Bücher. Und in dieser Welt schöpft sie Kraft. Sie versteckt die Bücher vor dem Großvater, denn sie lebt nach strengsten Regeln in einer jüdischen Gemeinde. Es ist eine Enklave mitten in Brooklyn, NY. Die Satmar, eine chassidische Sekte sprechen ausschließlich Jiddisch, lehnen jegliche Assimilation ab, weil sie glauben, dass der Holocaust die Strafe Gottes für ihre Anpassung war. Um die Umgekommenen zu ersetzen, gilt es möglichst viele Kinder zu zeugen und aufs Genaueste nach den göttlichen Gesetzen zu leben, damit ein neuer Holocaust verhindert werden kann.

Deborah Feldmans Geschichte ist autobiografisch und es ist eine unglaubliche und überwältigende Geschichte, die ich hier mit sehr viel Respekt vor dem Mut der Autorin vorstelle. Mut zum einen, sich aus der Gemeinschaft zu lösen, zum anderen die eigene Geschichte so offen mitzuteilen. Ihr Buch ist soeben in deutscher Sprache erschienen, in den USA war es ein Bestseller.

Feldman erzählt in ihrer klaren Sprache von ihrer Kindheit im Haus der Großeltern, die Mutter verließ die Gemeinde, der Vater konnte sich nicht um die Tochter kümmern. So fühlte sie seit jeher ein „Anderssein“. Die Großmutter, die den Holocaust überlebte, kümmert sich liebevoll um das Kind, doch auch sie ist auf ihre Rolle als Frau reduziert. Eine Frau ist vor allem dazu da, um Kinder zu gebären und sich um den Haushalt zu kümmern. Ein Studium, auch das der Thora ist nicht erlaubt. Bereits im Alter von 17 werden passende Ehen arrangiert. Eine Frau darf keine Hosen tragen, nach der Hochzeit muss sie sich die Haare rasieren und eine Perücke oder ein Kopftuch tragen. Sex dient nur zur Fortpflanzung und ist nur an bestimmten Tagen erlaubt.

Deborah Feldman sucht sich schon als Kind kleine Freiheiten, auch auf die Gefahr hin, erwischt und bestraft zu werden, nicht nur von Großeltern, Lehrern, sondern auch von Gott. Sie erlaubt sich zu denken. sie erlaubt sich Zweifel und hadert mit sich und  der Lehre. Ihre Lektüren weiten den Blick auf das, was es außerhalb dieser begrenzten Welt auch noch gibt. Nach der Schulzeit wird sie Englischlehrerin und erhält dadurch kleine Freiräume, die sie sich auch durch eine Heirat mit einem offeneren Mann erhofft. Doch auch in der arrangierten Ehe bleibt das Glück aus. Von Angst und Schmerz bestimmt ist die Sexualität, da der eigene Körper ihr ganz fremd ist. Als ihr Sohn geboren wird, ist zumindest die Familie wieder mit ihr zufrieden.

„Unterbewusst habe ich angefangen, mich von den Menschen und Dingen in meinem Leben zu verabschieden, als würde ich mich aufs Sterben vorbereiten, auch wenn ich keinen wirklichen Plan habe. Ich spüre nur deutlich, mit meinem Bauchgefühl, dass ich nicht dafür bestimmt bin hierzubleiben.“

Deborah will mehr als dieses reduzierte Leben. Sie rebelliert. Sie setzt durch, den Führerschein machen zu können. Sie schreibt sich heimlich an einer Hochschule ein und beginnt ein Studium für Literatur und Schreiben. Dort lernt sie eine Freundin kennen, die sie auf ihrem Weg bestärkt und sie mit einer Lektorin bekannt macht. Sie beginnt offen auf einem Blog über ihre Situation zu schreiben. Sie trägt zum ersten Mal in ihrem Leben Jeans. Und sie schafft den Ausstieg.
Deborah Feldman lebt inzwischen als Schriftstellerin mit ihrem Sohn in Berlin. Sie hat keinen Kontakt mehr zur Satmar-Gemeinde.

„Unorthodox“ ist im Secession Verlag in gewohnt schöner Ausstattung (goldfarbener Einband, rotes Vorsatzpapier, Fadenheftung, Lesebändchen) erschienen und wurde von Christian Ruzicska ins Deutsche übersetzt.

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2 Gedanken zu “Deborah Feldman: Unorthodox Secession Verlag

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