Marion Poschmann: Geliehene Landschaften Suhrkamp Verlag

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Marion Poschmann ist Lyrikerin und Prosaautorin. Ihr Roman „Die Sonnenposition“ hat mich zutiefst beeindruckt und mich auf ihre Lyrik aufmerksam gemacht. Nun ist ihr neuer Gedichtband „Geliehene Landschaften“ erschienen. Er wurde kürzlich im Georg Büchner Buchladen in Berlin vorgestellt. Gleichzeitig erschien auch der Band „Mondbetrachtung in mondloser Nacht. Über Dichtung“. Aus beiden Bänden las die Dichterin und stellte Zusammenhänge her.

„Dichtung vollbringt das Unmögliche: Sie evoziert Bilder im Raum, hält die flüchtige Welt für Momente fest, läßt das Unsichtbare sichtbar werden. Aber das erstaunlichste dabei ist, sie stellt Bilder in einen Raum, den es vorher nicht gab. Und sie läßt uns umgekehrt fragen, in welchem Raum eigentlich das stattfindet, was wir für unsere Alltagswelt halten.“

Fazit der Mondbetrachtung in mondloser Nacht: Der Dichter sieht auch Dinge, die gar nicht vorhanden sind und findet Wege sie dennoch zu „beschreiben“. Oder je näher man etwas betrachtet, je dichter man herangeht, desto verschwommener, desto unklarer wird das Bild.

Die Gedichte im Lyrikband „Geliehene Landschaften“ sind konkreter als bisher. Sie beziehen sich zumeist auf bestimmte Orte und wirken auf den ersten Blick wie Beschreibungen. Eine genaue Beobachterin steht hinter jedem Gedicht. Doch wird hier alles Beobachtete sprachlich bearbeitet und in neue Zusammenhänge gesetzt. Man spürt in jedem Gedicht die intensive Beschäftigung mit dem Gegenstand und die daraus folgende Arbeit mit und an der Sprache. Beim wiederholten und vertieften Lesen eröffnen sich weite Räume. Die Gedichte sind vielschichtig. Lässt man sich darauf ein, liegen hinter bloßer Natur- oder Landschaftsdichtung andere Welten, spirituelle Dimensionen gar.

In neun Kapitel ist das Buch gegliedert. Neun unterschiedliche Orte wurden besucht und verdichtet. Immer handelt es sich um Gärten und Landschaften: vom Kindergarten Lichtenberg über den Bernsteingarten in Kaliningrad bis zu asiatischen Gartenanlagen führen die Wege. Jeweils neun Gedichte gibt es in den einzelnen Kapiteln, meist sind es freie Verse, teilweise wie Kürzestprosa (im Kapitel Kyoto, das mir in der Tat am besten gefällt) angelegt.

„Du gehst wie immer Gedichte waschen am Wasserfall.“

In ihrer Lesung beginnt Marion Poschmann mit den neun Gedichten aus Lichtenberg: Plattenbaumuster sind das Stichwort und Poschmann zeigt eine großformatige Fotografie von Betonfertigsteinen an Kindergärten der ehemaligen DDR, die ein pflanzliches Muster aufweisen und die ihr unter anderem Inspiration für die Gedichte waren.

„Ich sehe mich als Stellvertreter in jenem mechanischen
Karussell der Blätter auf Bürgersteigen, sehe Gedenktafeln
großer Gehölze, das Plattenbaulaub an der Wand als Platzhalter,
während. Während. Starke Winde tragen den Rauch von
Kartoffelfeuern herüber, von Kohleöfen, von Altpapier.“

Ein weiteres Fotoplakat zeigt einen „Gelehrtenstein“, der in chinesischer Tradition als Inspirationsquelle für Dichter und Künstler dient, passend zu den neun Gedichten zum Literatengarten bei Shanghai.

„Du hast den Nachmittag mit der Suche
nach schönen Gelehrtensteinen für deinen
Schreibtisch verbracht. Wirf abends
den einzig geeigneten Stein in den See,
merk dir die Stelle, wo er versinkt, und warte
ein paar hundert Jahre.“

Die geliehene Landschaft – Shakkei – ist ein traditionelles Konzept in der asiatischen Gartenplanung, bei der man bewusst den Hintergrund, sei es natürliche oder künstliche Landschaft mit einbezieht, um den Blick vom Detail ins Weite zu lenken. Der Titel des Buches ist sehr passend gewählt, denn nichts anderes macht Marion Poschmann in diesen Gedichten. Auch das Coverbild passt haargenau und wurde auf Wunsch der Autorin gewählt. Es ist das Bild einer asiatischen Landschaft von Roy Lichtenstein und es ist nicht etwa ein Druck, wie man vermutet, sondern Malerei.

Mir gefiel die Autorin in ihrer Lesung sehr, war doch unverkennbar zu sehen, mit welcher Passion und Hingabe sie in ihren Recherchen und im Schreiben aufgeht. Die Gedichte im neuen Band sind für mich, selbst Gartenliebhaberin und Parkflaneurin,  größter Genuß, Geheimnisträger und willkommener Anlass zum Eintauchen in neue Sprachlandschaften.
Ein Leuchten!

Mehr über die Autorin, sowie Leseproben hier:
http://www.suhrkamp.de/buecher/geliehene_landschaften-marion_poschmann_42522.html
http://www.suhrkamp.de/buecher/mondbetrachtung_in_mondloser_nacht-marion_poschmann_46666.html

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3 Gedanken zu “Marion Poschmann: Geliehene Landschaften Suhrkamp Verlag

  1. Ich schließe mich dem ersten Kommentar sehr gern an. Dein Beitrag macht neugierig, und ich ziehe den Hut vor jeder interessanten Besprechung über Lyrik. Es ist nicht einfach, darüber zu schreiben, denn Lyrik ist für mich persönlich Wortgewandtheit per se. Viele Grüße PS. Schade, dass wir uns nicht auf der Buchmesse getroffen haben.

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