Andreas Maier: Der Ort Suhrkamp Verlag

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Stundenlang gingen wir damals spazieren, und oft nach Ockstadt, einen halben Frühling und noch einen halben Sommer danach. Die Ockstädter Hollarkapelle hat immer wieder eine Rolle in meinem Leben gespielt, an meinem achtzehnten Geburtstag sollte dort mein Selbstmord stattfinden, und später wollte ich in dieser Kapelle heiraten, zur Kirschblütenzeit, und meine Trauzeugin sollte jene Buchhändlerstochter sein.

Ich erinnere mich noch gut, als Andreas Maier im Jahr 2000 mit seinem Roman „Wäldchestag“ debütierte. Damals war ich noch Buchhändlerin und Maier war in aller Munde. Das war mal etwas anderes in der deutschsprachigen Literatur, was der 33-Jährige da vorlegte. Ein Roman über die hessische Provinz auf sprachlich höchstem Niveau. Eine ganz neue Stimme.

Die hessische Heimat hat Andreas Maier in den folgenden Romanen immer wieder als Thema. Auch in dem 2015 erschienenen Roman „Der Ort“ führt er uns dorthin, nach Friedberg in der Wetterau. Es ist der 4. Band seiner auf 11 Bände angelegten autobiografischen „Heimatchronik“, die er Ortsumgehung nennt.  Für mich ist es der erste aus diese Reihe, die alle ohnehin unabhängig voneinander zu lesen sind. Denn Andreas Maiers Bücher sind so ein Fall, wo Sprache und Form vor Inhalt geht. Es passiert, von Außen betrachtet zunächst einmal nicht viel in dieser Geschichte. Aber viel im Inneren des Protagonisten. Und dieser Innenschau wohnen wir bei und Maier ist ein wahrer Könner im Beschreiben dieser Bilder.

Um die Ortsumgehungsstraße geht es in diesem Band nur am Rande. Da, wo sie verlaufen soll (und Jahrzehnte später noch nicht verläuft), geht der 15-Jährige mit der Buchhändlerstochter spazieren. Es ist die Zeit der ersten Verliebtheiten und der Wandlung vom Kind zum Teenager, hinein ins Erwachsenwerden. Maier schreibt über die erste Liebe, als wäre es eine Initiation. In der Begegnung, der ersten Berührung, dem Rausch des Verliebtseins liegt eine ganze Bewusstseinserweiterung. So, als hätten die Betroffenen Drogen eingenommen, nehmen sie die Dinge plötzlich wahr, wie durch eine Lupe vergrößert und absolut scharf. Der Blick hat sich geweitet, die Sicht verändert.
In einer unglaublich komischen (seitenlangen) Szene schildert Maier, wie der Jugendliche morgens eine frische Unterhose aus dem Schrank nimmt, auf das Muster der Unterhose starrt und sich in Überlegungen und philosophischen Betrachtungen über Herkunft und Notwendigkeit alltäglicher Dinge verliert.

„Dies hier, was vor mir lag, war zwar unzweifelhaft eine Unterhose für Kinder oder für Jugendliche, aber dennoch wurde ich nachdenklich. Woher kam diese Unterhose? Wie war sie in meinen Schrank gelangt? Wie ging dieser Umlauf an Unterhosen überhaupt vonstatten? […] Diese Unterhose liegt vor mir auf meinem Schreibtisch und wird mir gerade das Fremdeste auf der Welt.“

Maier erzählt von der Begegnung mit seiner ersten Freundin Katja auf einer Geburtstagsfete. Grandios schildert er, wie die Jugendlichen wie „Gestirne“ ihre Plätze im Party-Kosmos einnehmen und ihre Positionen sich im Verlaufe der Zeit verändern, je nachdem, wer wem gegenübersteht.
Er erzählt von den Aufenthalten im Jugendzentrum und der erwachenden Rebellion gegen Eltern oder „spießige“ Politiker, die Cliquenbildung, die ersten DEMOs.
Dann die zweite Freundin, die Buchhändlerstochter und die exzessiven Buchkäufe in eben jener Buchhandlung in den folgenden Jahren, in denen der Protagonist zum Einzelgänger wird. Eine Phase, in der er sich in die Literatur, wie etwa den „Zauberberg“ vertieft und Riesling aus dem Keller des Vaters trinkend, Szenen nachspielt oder im Winter sein „Mäntelchen“ trägt, wie eine Figur aus Dostojewskis Romanen  und endlos alleine ziellos durch den Ort und über die Felder spaziert.

„Was ich vor allem nicht verstand, war, warum nicht alle das gleiche taten wie ich, daß also alle anderen nicht an ihrem Tisch (oder an einem anderen Platz) saßen, nicht den Zauberberg (oder etwas anderes) lasen, nicht den ganzen Tag durch Friedberg (oder irgendwo sonst) liefen und also, kurz gesagt, nicht verzweifelt bzw. krank waren. Und dabei waren sie es doch, die krank waren, dachte ich damals stets.“

Die Romane des 1967 geborenen Andreas Maier sind für mich große Literatur. Es ist irgendwie eine Mischung aus Thomas Bernhard, Marcel Proust und Peter Kurzeck. Nach meinem Wiedereinstieg mit „Der Ort“ werde ich mich sicher auch den anderen Bänden widmen. Bereits erschienen sind: Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, wie bisher alle Romane von Maier im Suhrkamp Verlag.
http://www.suhrkamp.de/buecher/der_ort-andreas_maier_42473.html

 

 

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