Amalie Skram: Professor Hieronimus Guggolz Verlag

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Im kleinen Berliner Guggolz Verlag, der es sich zur Aufgabe macht, Schriftsteller wiederzuentdecken, die vollkommen unberechtigt in Vergessenheit gerieten, ist nun ein Roman der Norwegerin Amalie Skram erschienen. Sie wurde 1846 in Bergen geboren und war Schriftstellerin. Der Vater verließ die Familie früh und ging nach Amerika. Um dem Schicksal einer Näherin zu entgehen heiratete sie auf Drängen der Mutter mit 18 einen Kapitän und reiste mit ihm um die Welt. Glücklich war die Ehe nicht. Amalie begann mit dem Schreiben. Nach der Scheidung lebte sie, ungewöhnlich für diese Zeit, allein in Oslo, wo sie später einen Schriftsteller kennenlernte, erneut heiratete und mit ihm nach Dänemark zog. Doch auch diese Ehe war nicht von Dauer. Es folgte die erneute Scheidung und ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, der die Grundlage für den vorliegenden Roman bildet.

„Das ist die Hölle, dachte Else. Wer das Buch über die Qualen in der Hölle geschrieben hat, ist zweifellos aus Versehen auf einer psychiatrischen Station gelandet mit einem Hieronimus als Herrscher.“

Was für eine Geschichte! Mich machte sie wütend und traurig. Es ist kein behagliches Buch. Es erschreckt und ist zeitweise schier unerträglich. Aber es ist dennoch ein Meisterwerk, da es schildert, wie die Zustände damals in der Psychiatrie waren. Wie Menschen mit psychischen Leiden weiter in die Krankheit hineingetrieben wurden, statt dass ihnen Hilfe zuteil wurde. Und es ist auch ein wichtiges Buch über die Stellung der Frau.

„“Ich habe mich in den letzten Tagen intensiv mit ihren Werken vertraut gemacht“, erklärte Hieronimus darauf. „Dieses Interesse für das Abnorme, das ihre Bilder aufweisen, ist nicht gerade sehr ansprechend.“
Interesse für das Abnorme, dachte Else. war es nicht gerade sein Interesse für das Abnorme, das dem Professor seine Autorität verschafft und ihm diese Position eingebracht hatte?“

Amalie Skram erzählt von Else Kant, einer Malerin, die unter enormer Anspannung und Schlaflosigkeit leidet, die sicherlich der Doppelbelastung als Ehefrau und Mutter und als freier Künstlerin geschuldet sind. Sie fühlt sich überfordert und ist in ihrem malerischen Ausdruck blockiert. Damit sie Ruhe findet, wird sie von ihrem Mann, zunächst mit ihrer Einwilligung in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. Dort herrschen allerdings unmenschliche Bedingungen, die eher an eine Haft- als an eine Heilanstalt erinnern. Unter der Herrschaft der Chefarztes Professor Hieronimus gilt es die allerstrengsten Regeln einzuhalten, die Else nicht akzeptieren will, da sie sich als freier Mensch fühlt und jegliche Fremdbestimmung ablehnt. Schnell jedoch wird ihr eine „Geisteskrankheit“ diagnostiziert, was soviel bedeutet wie Entmündigung. Eine individuelle Therapie jedoch gibt es nicht für die Insassen, sie leben vollkommen der Willkür der Ärzte ausgeliefert ein hoffnungsloses Leben, manche jahrzehntelang. Einziger Halt für Else in dieser Zeit sind die Krankenschwestern. Ihr Mann wird von Hieronimus von ihr fern gehalten, so dass Else glaubt, er hätte sie im Stich gelassen. Ihre Post wird geöffnet und kontrolliert. Als sie schließlich nach scheinbar endlosen Kämpfen um ihre Entlassung wiederum vom Professor angewiesen in eine andere Klinik verlegt wird, gerät sie an einen etwas humaneren Oberarzt …

„Die Audienz war vorüber.
Ob sie hier im Krankenhaus wirklich den Ursprung der Erkrankung der Patienten begriffen, die sie hier behandelten?
Aber alle behaupteten ja, Hieronimus sei ein gewissenhafter und sehr humaner Arzt, und der klügste Psychiater, den es gab.
Nur merkwürdig, wie gut verborgen das Uneingeweihten gegenüber blieb.“

Amalie Skram ist ein außergewöhnliches Buch gelungen. Sie beschreibt eindringlich die Situation einer Patientin in der Psychiatrie, die sich unter keinen Umständen in das Schema der vorherrschenden Meinung über „Geisteskranke“ zwingen lassen will. Sie spiegelt uns die innere Verfassung Elses direkt und ungeschönt. Mit in solch einer Situation unglaublichen Stärke kämpft diese um ihre Rechte, obgleich man permanent versucht ihren Willen zu brechen. Ihr geht es gerade auch um die Rechte als Frau, als Künstlerin, als freier, mündiger Mensch. In ihren anderen Büchern Skrams findet man immer wieder diese Thematik: Sie schreibt als Frau beispielsweise freizügig und kritisch über Ehe und Sexualität, was für diese Zeit ungewöhnlich und entsprechend aufsehenerregend war.
Es ist ein großer Gewinn, dass diese Autorin nun wieder in deutscher Sprache zu lesen ist.

Der Roman erschien im Guggolz Verlag in einer wie üblich schönen Ausgabe mit Lesebändchen und in Fadenheftung. Die Übersetzung aus dem Norwegischen ist von Christel Hildebrandt und mit einem aufschlussreichen Nachwort von Gabriele Haefs über Amalie Skram.

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Ein Gedanke zu “Amalie Skram: Professor Hieronimus Guggolz Verlag

  1. Diesen Titel merke ich mir vor. Auf der Buchmesse habe ich mir die Frühjahrsschau des Verlages geschnappt, und da ist mir dieses Buch schon aufgefallen. Sicherlich ein Muss für alle Freunde der norwegischen Literatur. Viele Grüße

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