Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha Hanser Verlag

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„Ich starb – lange habe ich nach Wörtern gesucht, mit denen ich es beschreiben könnte, um endlich einzusehen, dass keiner der Begriffe, die ich kannte und mit denen ich gewöhnlich operierte, es erfasst hätte, und das Wort, das mir noch am wenigsten ungenau erschien, gehörte nun mal in den Bereich des Todes – ich starb im Monat Juni, des Nachts, während eines der ersten Jahre meines Aufenthalts im Ausland.“

Mit dieser Traumsequenz beginnt Gasdanows Roman „Die Rückkehr des Buddha“, in der der Autor eindringlich über drei Seiten hinweg das innere Erleben seines Protagonisten während eines Sturzes von einer Felswand in den Tod schildert. Sofort weiß ich wieder, warum ich Gasdanow so zugetan bin. Seine Themen, seine Sprache, die langen Sätze, der intensive Blick in die Seele eines Menschen. Immer geht es um alles oder nichts.  Ich bin begeistert über den Anfang des Romans, der sofort dessen philosophische Tragweite aufzeigt. Ein großer Lesegenuß! Ein Leuchten!

Die Hauptfigur, ein russischer Student, lebt im Paris der Zwanziger Jahre und hat von Zeit zu Zeit mit seltsamen Wahnvorstellungen zu kämpfen, die ihn urplötzlich ereilen und aus seinem Alltag hinauskatapultieren. Es bleibt dem Leser überlassen, zu erspüren, ob es sich um Träume handelt oder der Protagonist sich wahnhaft in Paralleluniversen bewegt. Eines Tages begegnet er in einem Cafe einem älteren Mann, den er wiederzuerkennen glaubt. Kann es sein, dass das der Bettler ist, dem er vor Jahren einmal 10 Franc geschenkt hat? Die beiden kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um die gleiche Person handelt. Schtscherbakow hatte eine Erbschaft gemacht und lebt nun in sehr guten Verhältnissen. Es entwickelt sich eine Freundschaft, sie führen philosophische Gespräche über das Leben und das Sterben, über Gott und die Welt, sie verstehen sich, sie sind beide Russen im Exil. Der Student besucht Schtscherbakow regelmässig zu Hause und lernt auch die junge Frau kennen, die mit ihm lebt.

„Ich lauschte ihm zerstreut, vor meinen Augen tauchte beharrlich – und immer wieder von neuem – jener Apriltag des vorvorigen Jahres auf, als ich ihn zum erstenmal erblickt hatte, seine dekorativen Lumpen und das dunkle unrasierte Gesicht. Jetzt standen über seinem Kopf Bücher in schweren Ledereinbänden, und die gemächliche Gewähltheit seiner Rede erschien mitnichten unpassend.“

Eines Morgens wird der Student verhaftet – Schtscherbakow war ermordet worden. Der Student war am gleichen Abend bei ihm. Man verhört ihn, er weiß sich geschickt zu verteidigen, jedoch erhärtet sich der Verdacht, als sich herausstellt, dass der Tote ihm sein gesamtes Vermögen vermacht hat. Ein eindeutiges Motiv!
Und gäbe es da nicht die goldene Buddhastatue, die aus dem Zimmer des Ermordeten entwendet wurde, und die in Richtung eines anderen Täter weist, sähe es schlecht für unseren jungen Studenten aus …

Im Roman geschieht ein Mord, das stimmt, aber er ist viel mehr als ein Krimi. Gasdanow zeigt, wie man durch eine anspruchsvolle Sprache einen Krimihandlung in echte Literatur verwandelt. Zudem ist er Meister im Beschreiben der inneren Vorgänge eines Menschen. Wir erlangen Einblick in die Gedankenwelt und die Psyche der Hauptfigur – eines jungen Mannes, der in seinen Denk- und Verhaltensweisen gespalten ist und über die Maßen am Sinn des Lebens zweifelt. Durch den Gefängnisaufenthalt allerdings verändert sich sein Blick.

„Was trieb diese Menschen in dem Leben, das sie führten eigentlich an? Wie mochten ihre Wünsche, Hoffnungen, Bestrebungen aussehen und um welchen Zieles willen tat jeder von ihnen, gehorsam und geduldig, eigentlich jeden Tag ein und dasselbe? Was steckte wohl dahinter, außer dem dunklen biologischen Gesetz, dem sie alle unterlagen, ohne es zu kennen und ohne je darüber nachzudenken? Was hatte sie aus dem apokalyptischen Nichts ins Leben gerufen?“

Der Autor wurde durch seinen Roman “ Das Phantom des Alexander Wolf“, der 2012 auch auf Deutsch erschien, hierzulande bekannt. Danach kam „Ein Abend mit Claire“. Er wurde 1903 in St. Petersburg geboren, lebte nach seiner Emigration vorrangig in Frankreich. Seine Romane und Erzählungen schrieb er in seiner Muttersprache, in Russland selbst erschienen sie jedoch erst sehr spät. Gasdanow wurde oft aufgrund seines Erzählstils als russischer „Camus“ bezeichnet. Ich kann die Lektüre aller drei Werke nachdrücklich empfehlen.

Gaito Gasdanows Roman ist, wie auch die beiden vorherigen, im Hanser Verlag erschienen und wurde vorzüglich übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rosemarie Tietze.

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3 Gedanken zu “Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha Hanser Verlag

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