Gertraud Klemm: Muttergehäuse Kremayr & Scheriau Verlag

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Wie sie das nur schafft? Gertraud Klemm hat mich auch mit ihrem neuen Roman wieder sofort gepackt. Umso erstaunlicher, als mich das Thema des neuen Romans, nämlich Mutterschaft, die Schwierigkeit des Kinderkriegens und einer Adoption zunächst nicht besonders reizte. Aber da ist etwas in ihrer Art zu Erzählen, was sofort verführt und mitreißt. Diese Art intelligent und gleichzeitig witzig zu schreiben ist unvergleichlich, ihre Metaphern unglaublich treffend und komisch. Ganz explizit möchte ich hier gleich auch auf ihre beiden anderen Romane hinweisen: Bereits mit „Aberland“ und zuvor mit ihrem Debüt „Herzmilch“(welches mir am besten gefiel) hat sie großartige Romane verfasst, die direkt und ironisch erzählt sind und mitunter auch einen bösen, zumindest aber einen sehr kritischen Blick auf Gesellschaft, Familie und die Position der Frau darin werfen.
Und nicht zuletzt ist es diesmal auch der scharfsinnige Blick auf ´diese Art` Mütter, der mir bestätigte, was auch ich (als Kinderlose) oft erlebte: Die immer um das gleiche Thema „Schwangerschaft/Baby/Kind“ kreisenden Gespräche im Freundeskreis, der allumfassende und nichts anderes zulassende „Mutter-Kind-Heile-Welt-Kosmos“. Klemm stellt diese Dinge in ihren Romanen in Frage.

„Jemand muss ihnen gesagt haben, dass wir nicht mitbieten dürfen. Sie fragen heute nicht. Ich stehe daneben und werde gar nichts mehr gefragt. Ich bin Halbmarathon gelaufen, will ich sagen. Ich wurde befördert, will ich sagen. Aber es würde nur Luft sein. Denn wir haben keine Kinder. Wir können nicht mitreden bei dem, was gerade Thema ist.“

„Muttergehäuse“ ist in drei Episoden unterteilt, jedes Kapitel wird zudem noch von einer Traumsequenz eingeleitet.
In „Mutter“ erzählt Klemm von einem Paar Mitte 30, das sich ein Kind wünscht, aber keines bekommt. Sie schildert eindringlich die anfängliche Zuversichtlichkeit und das immer deutlicher werdende Verzagen, die wohlmeinenden Vorschläge aus dem Freundeskreis, aber auch das gespiegelte offensichtliche Versagen als Frau/als Paar. Die kräftezehrenden Untersuchungen, ob etwas nicht stimmt, das Aufatmen, als der Test eine Schwangerschaft anzeigt und das darauffolgende Abstürzen, als es zu einer Fehlgeburt kommt. All das lässt auch die Partnerschaft in eine Krise stürzen. Nach einer gemeinsamen Urlaubsreise nach Südafrika beschließen die beiden, wie bereits längere Zeit vorher überlegt, eine Adoption.

„Es ist nicht dasselbe. Es ist nicht wie schwanger sein. Es ist wider die Natur. Alle haben Zweifel, weil die Auslandsadoption nicht die Norm ist. Die Norm ist: Mann und Frau machen ein Kind, das nach neun Monaten schlüpft und von den Eltern, die unfehlbar sind, liebevoll und ordentlich aufgezogen wird.“

Damit beginnt der zweite Teil, der bezeichnenderweise „Papier“ heißt. Im Bekanntenkreis wird das Paar plötzlich wieder interessant: „Dass ihr euch das traut? Da weiß man ja nicht, was man kriegt!“  bekommen die beiden nun zu hören. Doch jetzt beginnen auch die Mühlen der Bürokratie zu mahlen. Nach vielen Überprüfungen wird ein „Dossier“ angelegt, eine Akte, die dann in das ausgewählte Land geschickt wird, in diesem Fall nach Südafrika. Nach langer Warte- und Prüfzeit ist es soweit, kommt der ersehnte Anruf …

„Alle wollen die Haare des Kindes angreifen. Ich kann es nicht immer verhindern. Das Kind mobilisiert die sauer gewordene Liebe der Leute. Wie bei einem Kätzchen werden sie weich, affig, fiepen und piepsen in den Kinderwagen. Besonders die, die wie Rassisten aussehen.“

Der dritte Teil „Kind“ beginnt mit dem „Empfangen“ des 5-monatigen Babys in Südafrika. Doch Zuhause ist es dennoch nicht dasselbe. Ein dunkelhäutiges Baby, ein fremdes, nicht selbst ausgetragenes Kind, komische, auch abschätzige Blicke, hinter-dem-Rücken-Gerede. Doch die Mutter spürt, wie gut das doch zusammenpasst – das Kind, das der gängigen Norm vermeintlich nicht entspricht zu der Mutter, die ihr ebenso nicht entspricht. Und so soll es dann auch noch ein Adoptivgeschwisterkind geben …

Gertraud Klemm wurde 1971 in Wien geboren. „Muttergehäuse“ erschien bei Kremayr & Scheriau und ist besonders schön gestaltet. Das Covermotiv wiederholt sich im Inneren, jeweils auf den Kapitelanfangsseiten. Im Nachwort schreibt Gertraud Klemm, dass ein Teil dieses Romans bereits 2010 als Essay erschien, für diese Ausgabe vollständig überarbeitet und ergänzt wurde. Eine Leseprobe gibt es hier:
http://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/muttergehause-823
Ebenso sehr empfehlenswert ist die Lektüre von „Aberland“ und „Herzmilch“, beide im Droschl Verlag erschienen: http://www.droschl.com/autor/gertraud-klemm/

 

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6 Gedanken zu “Gertraud Klemm: Muttergehäuse Kremayr & Scheriau Verlag

  1. Als ebenso „Kinderlose“ fühle ich mich von diesem Buch sehr angesprochen. Vorallem weil du als „Kinderlose“ das ja nie aussprechen darfst, was du fühlst. Einmal ein ganz anderer Blickwinkel, der ebenso seine Berechtigung hat.

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