Katharina Winkler: Blauschmuck Suhrkamp Verlag

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Nun habe ich es also doch getan. Ich habe „Blauschmuck“ gelesen.
Bisher hatte ich mich dem Buch verweigert. Nach der Leseprobe und einigen Blogberichten hatte ich entschieden: Das tue ich mir nicht an. Nicht eine solche Geschichte …
Und dann leuchtete gestern das Buch so blau zwischen den anderen Bänden in der Bibliothek hervor. Schon dass es nicht ausgeliehen war, wo doch alle aktuellen Romane ständig verliehen sind, ein Zeichen?  Ich nahm es also mit und begann gleich zu lesen.
Tags darauf habe ich es beendet. Fast hätte ich die Nacht durch gelesen, die 190 Seiten ein heftiger Sog, eine tiefe Erschütterung.
Die tagebuchartigen Einträge füllen nicht immer die Seiten ganz. Aber die Sprache! Katharina Winklers Sprache füllt auch die Zwischenräume, dringt zwischen die Zeilen. Das, was erzählt wird ist pure Gewalt und vielleicht war es nur möglich, diese Geschichte in solch einer lyrischen Sprache zu erzählen (und zu lesen). Sie hat etwas Schwebendes, Traumartiges, um dann im nächsten Satz schonungslos Grausamkeit zu schildern.

Was sich als Titel des Buches so schön anhört, ist nicht etwa Kette oder Armreif mit blauen Edelsteinen, sondern es sind die Hämatome, die sich auf der Haut der Frauen zeigen, nachdem sie von ihren Männern verprügelt wurden.

„Ich sitze vor dem Holzstoß in der Küche, suche die runden Scheite und schichte sie ganz nach oben. Rundes Holz macht blaue Flecken, kantiges zerreißt auch die Haut“

Filiz lebt mit Eltern und Geschwistern in der Türkei auf dem Land. Die Familie ist arm. Alle unterstehen dem Vater. Dem Vater ist Ehre das Wichtigste. Eine Frau ist in diesem Kosmos nichts wert. Sie tut, was der Vater oder der Ehemann sagt. Sie arbeitet und gebärt, sie dient dem Mann. Filiz´ Schicksal ist vorgegeben. Mit 13 flieht sie aus dem Elternhaus, um Yunus zu heiraten. Noch glaubt sie, dass es anders wird, dass sie Jeans tragen wird, wenn er mit ihr nach Deutschland geht. Doch zunächst lebt sie im Haus der Schwiegermutter wie eine Sklavin. Sie arbeitet im Haus, im Stall. Yunus benutzt sie, quält sie, vergewaltigt sie, sie bekommt Kinder und Blauschmuck. Als sie nach Österreich ziehen, keimt Hoffnung, doch es geht alles weiter wie zuvor. Nur, dass Yunus jetzt Arbeit hat, wohlhabend wird und sich Geliebte nimmt. Sie selbst hat nichts, bleibt weiter Dienerin und muss für alle seine Wünsche zur Verfügung stehen. Unterstützt wird sie nur von der Vermieterin, einer Bäuerin, die schließlich auch irgendwann eingreift und die häusliche Gewalt zur Anzeige bringt und damit vielleicht Filiz das Leben rettet …

Es ist eine wahre Geschichte, die Katharina Winkler da aufgeschrieben hat. Im Nachwort wird vom weiteren Schicksal von Filiz und ihren drei Kindern berichtet. Der Inhalt dieses Romans macht mich wütend, ich bin dankbar für Winklers Sprache, sie hat die Geschichte sozusagen literarisch übersetzt. Dennoch übertönt der Inhalt die Sprache. Das einzige, was mich beruhigt, ist, dass sich die Geschichte von Filiz vor knapp zwanzig Jahren ereignete und dass hoffentlich heute so etwas nicht mehr möglich ist. Ich kann es mir nur wünschen, ich weiß es nicht. Es darf nicht sein, dass Frauen legitim solche Gewalt angetan wird, ganz egal, wo auf dieser Welt.
Und ich wünsche mir, dass es immer Menschen, Nachbarn gibt, die bei solchen Geschehnissen nicht einfach nur wegsehen, weghören, sondern Hilfe anbieten, Hilfe holen, notfalls ärztliche und polizeiliche.

„Blauschmuck“ ist Katharina Winklers Debütroman und erschien im Suhrkamp Verlag.
Ich hoffe auf weitere Romane dieser Autorin und wünsche mir, ihre wunderbare Sprache dort wieder zu finden.
Ein Interview mit der Autorin gibt es hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/katharina-winkler-ueber-debuetroman-eine-heldin-in-der.1270.de.html?dram:article_id=352720

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5 Gedanken zu “Katharina Winkler: Blauschmuck Suhrkamp Verlag

  1. Liebe Marina,
    mir gefällt (das ist ein bisschen platt formuliert, mir fallen aber gerade keine schöneren Formulierungen ein), wie Du Deinen Annäherungsprozess an „Blauschmuck“ beschreibst, Dein Ablehnen des Buches, weil Du sicherlich vor dem Inhalt zurückgeschreckt bist und Dich mit so viel Gewalt lieber nicht beschäftigen wolltest. Und wie Dich das Buch dann doch in seinen Bann gezogen hat, Du es gar nicht mehr aus der Hand legen konntest, nicht weil der Inhalt dann doch nicht so brutal war, wie Du gedacht hast, sondern wiel die Sprache Katharina Winklers diese Gewalt doch so poetsich, so lyrisch beschreibt (auch das hört sich merkwürdig an, wenn ich es lese, so, als würde die Sprache die Gewalt verharmlosen. Aber ich hoffe trotzdem, Du kannst verstehen, was ich meine). Und diese sprachliche Form, so finde ich auch, ist wirklich ganz herausragend. Also doch gut, dass das Buch in der Bibliothek auf Dich gewartet hat.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Claudia, du hast es ganz treffend geschildert. Und manchmal ist es eben dann so, dass die Bücher zum passenden Zeitpunkt zu einem kommen. Ich bin wirklich gespannt, auf Winklers zweiten Roman wegen dieser Sprachhingabe.
      Viele Grüße, Marina

      Gefällt 1 Person

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