Reinhard Jirgl: Oben das Feuer, unten der Berg Hanser Verlag

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Bereits während meiner Buchhändlerzeiten gab es immer wieder das Vorhaben etwas von Reinhard Jirgl zu lesen, doch erst jetzt als ein neuer Roman erschien, der die Thematik der kommunistischen DDR-Diktatur und deren Verstrickungen und Abgründe bis weit nach der Wende bearbeitet, die mich nach wie vor sehr interessiert, war es an der Zeit.

Gleich vorab kann ich sagen, dass Jirgls Roman keine einfache Lektüre ist, schon wegen seiner fantasiereichen Art des Umgangs mit der deutschen Rechtschreibung. Zudem ist auch die Geschichte eine komplizierte, die man vielleicht nur in vollem Ausmaß begreift, wenn man sich in der DDR-Geschichte sehr gut auskennt, oder sogar in der DDR gelebt hat. Vielleicht sind die Dinge, die ich nicht recht verstanden habe aber auch Fiktion. Schließlich handelt es sich um einen Roman.

Mehrmals war ich versucht, das Buch beiseite zu legen und mich etwas flüssigerer Lektüre zuzuwenden, aber geschafft habe ich es nicht. Irgendetwas ließ mich nicht los und ich glaube nicht, dass es nur der Ehrgeiz war, endlich einen „Jirgl“ zu lesen. Denn irgendwie hat mir die Herausforderung von Jirgls Schreibweisen dann doch Spaß gemacht und trotz der heftigen Geschichte beweist der Autor einen gewissen Sinn für Humor.

„Wir glaubten, daß Es um Anderes ginge, um wie Das hieß Nichts=Geringeres als Den-Welt=Frieden ….. So hatte MAN uns von-Kinzbeinen=an gesagt & so hatten wir Es geglaubt. […] Die Bergers wurden, stellvertretend für Die-Westlichewelt, regelrecht vorgeführt. Und nach seinem Dreistunden-Mono=log zum=Schluß verlangte Der-Parteinik von uns, den Anwesenden (& nicht 1 hatte gewagt, an diesem Abend nicht anwesend zu sein), die Volle Zustimmung zu all seinen Maß=nahmen gegen Diese-Feinde-des-Sozialismus :!das waren die Bergers, die waren ans=Messer-zu-liefern = Zur Umerziehung ….. (wir wußten alle ! was Das ….. bedeutete.)

Man könnte den Roman als einen Krimi lesen, da es tatsächlich zunächst um die Aufklärung einer Reihe von Frauenmorden geht. Die Geschichte spielt im Jahr 2012 in Berlin. Ein Kommissar bearbeitet den Fall und stößt dabei in verschiedenen Verhören auf mysteriöse Geschehnisse, die sich lange vor der Wende, (die Jirgl „Großer-Bürokratischer-Umbau“ nennt) in der DDR ereigneten. Eine Frau wird vermisst, der alte Mann, der die Vermisstenanzeige aufgibt, stirbt nach seiner Aussage auf dem Revier. Der Kommissar vermutet einen Zusammenhang zu den Morden. Aus seiner Erzählung geht hervor, dass seine vermisste Adoptivtochter von einem Paar stammt, dass aus „politischen Gründen“ verhaftet wurde. Als 3-jährige kam das Mädchen zu ihren „neuen“ Eltern. Im Gefängnis wurde ein Bruder geboren, der sofort der Mutter weggenommen wurde und ins Heim kam, sich dort allerdings gewalttätig entwickelte und als schwer erziehbar galt, jedoch später „Karriere“ in einer geheimen Organisation der DDR machte. Dieser wird vom Kommissar zunächst für den Frauenmörder gehalten. Als er sich selbst stellt und seine Version der Geschichte erzählt, zeigt sich allerdings, dass alles viel komplizierter und un-fass-barer ist. Und für den Kommissar wendet sich plötzlich das Blatt, als er selbst verhaftet und eines Mordes beschuldigt wird …
Es ist aber viel mehr als ein Krimi, es ist eben vor allem auch ein sehr vielschichtiger, „eigen-art-iger“ Roman über deutsch-deutsche Geschichte, der zum Ende einen dystopischen Entwurf liefert.

Das Bemerkenswerte daran ist die Sprache. Jirgl hat eine Eigenart entwickelt, die den Lesefluß immer wieder unterbricht. Mich hat das anfangs enorm gestört, bis ich durch das sozusagen erzwungene langsame Lesen mir der Wortwahl besonders deutlich bewusst wurde. Hier herrscht keine Willkür, der Autor weiß genau, weshalb er bestimmte Worte anders als gewöhnlich schreibt, denn schnell wird einem klar, wie stark die Wirkung eines Wortes sich aufgrund der Schreibweise verstärken oder verändern kann: „Re-Gierung“ oder „Er-Zieh-Herrin“ oder „Erwaxene“ – das liest sich ganz anders. Zudem verwendet er Zahlen, statt eine Zahl auszuschreiben und er setzt Frage- oder Ausrufezeichen an den Anfang des Satzes.
Die Sequenzen im Roman, die aus Dialogen bestehen sind oft salopp und umgangssprachlich, hingegen die Teile, in denen ein innerer Monolog oder Gedankengänge beschrieben werden, oft kursiv gedruckt, sind mit reichen Sprachbildern ausgeschmückt, vielfach fast poetisch. Die Beschreibung der Personen ist schonungslos genau und eindringlich. Es ist deutlich erkennbar, dass Jirgls ausgefeilte Romane, genauestens konstruiert sind und auf die volle Wirkung der Sprache setzen.

„Denn Angst u Zweifel rührten aus der Unterschiedlichkeit der Dimensionen, mit denen die-Erinnerung ihre Bilder preisgibt. So kann, aus der Nähe betrachtet, 1 Käfer der übers Fensterglas krabbelt, ein in-Fernen liegendes Bergmassiv verdecken & unsichtbar machen.“

Tatsächlich war es für mich eine neue, starke Leseerfahrung, eher lehr- als genussreich.
Über andere Erfahrungen mit Jirgls Roman(en) würde ich gerne hören und lesen. Ich freue mich über Kommentare!

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ostberlin geboren und erhielt unter anderem den Georg-Büchner-Preis. „Oben das Feuer, unten der Berg“ erschien im Hanser Verlag.
Eine interessante Diskussion über das Buch findet sich hier.

 

 

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8 Gedanken zu “Reinhard Jirgl: Oben das Feuer, unten der Berg Hanser Verlag

  1. Ich habe in der Vergangenheit immer mal wieder ein Buch von Jirgl in die Hand genommen, um es wenig später zur Seite zu legen. Gerade wegen des schwierigen, herausfordernden Schreibstils. Aber ich denke, jedes Buch braucht auch den richtigen Moment, so dass ich den Autor weiterhin im Kopf behalte und gern einen neuen Versuch starten werde. Denn gerade auch für mich sind Bücher über die DDR faszinierend. Deshalb vielen Dank für diesen tollen Beitrag, der mich neugierig macht. Viele Grüße

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  2. Ich habe vor Jahren von Jirgl „Hundsnächte“ gelesen und mir ging es dabei ähnlich wie Dir: Nach Anlaufschwierigkeiten hat mich dieser eigenwillige, aber auch sehr sorgsame Umgang mit Sprache fasziniert und einen Lesesog auf mich ausgeübt… es kam dann noch die atlantische Mauer sowie „Die Unvollendeten“ hinzu, kann ich alles empfehlen…
    Genussreich finde ich selbst diese Sprache schon… mir gefällt das, aber ich bin ja auch Arno-Schmidt-Anhängerin. Es führt doch zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Texten. Allerdings ist klar; dass solche Bücher ihre Zeit brauchen.

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    • Liebe Birgit, danke für deine Anmerkungen. Da ich viel Lyrik lese bin ich auf diese Weise auch mit einem intensiven Umgang mit der Sprache gewöhnt. Da gibt es ja auch viel Experimentelles. Aber Jirgl ist schon noch mal was anderes. Es wird wohl eine Zeit brauchen, bis ich ein weiteres Buch von ihm in die Hand nehme.
      Viele Grüße!

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  3. Die Manieriertheit der Sprache mit all ihren orthografischen Eigentümlichkeiten erinnert mich auch sehr stark an Arno Schmidt. Das hat zwar etwas Originelles, ermüdet aber auch schnell, weil die dahinter stehende Grundidee zu Tode geritten wird. Ich habe Arno Schmidt daher fast ausschließlich als Hörbuch „konsumiert“, da konnte ich seine schöpferische Sprachgewalt viel besser genießen. – Respekt, dass du bis zum Schluss durchgehalten hast!

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    • Danke für dein Feedback, Jordan.
      Anfangs dachte ich auch es wäre Effekthascherei, aber es vertieft ja die Sprache in gewissem Sinn. Man muss die Geduld haben, sich darauf mehr einzulassen. Ähnlich wie bei Lyrik.
      Arno Schmitt habe ich bisher nicht wirklich in Angriff genommen, reizt mich derzeit aber auch nicht.
      Viele Grüße!

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