Jon Fosse: Trilogie Rowohlt Verlag

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Im Rowohlt Verlag erschien soeben der Band Trilogie des Norwegers Jon Fosse. Er besteht aus den drei Texten „Schlaflos“ (bereits einzeln 2008 bei Rowohlt), „Olavs Träume“ und „Abendmattigkeit“. 2015 erhielt Fosse dafür in Norwegen den Preis des nordischen Rats. Jon Fosse ist international vor allem durch seine Theaterstücke bekannt, von denen einige nun ebenfalls als Neuauflage in zwei rororo-Bänden mit den Titeln „Die Nacht singt ihre Lieder“ (Frühe Stücke) und „Ich bin der Wind“ (neuere Stücke) erschienen.
Ich erinnere mich an eines seiner Theaterstücke, das ich vor Jahren hier in Berlin sah – ich glaube, es war „Die Nacht singt ihre Lieder“. Es war ein Erlebnis zu sehen, mit wie wenig Mitteln sehr viel ausgedrückt werden kann. Ganz ähnlich ist auch mein Eindruck beim Lesen seines Buches Trilogie.

Es sind drei Erzählungen, die aufeinander aufbauen und jeweils an die 70 Seiten umfassen.

“ und dann blicken sie ganz kurz zueinander und dann nehmen sie sich an den Händen und dann stehen sie einfach nur da
Und da draußen ist das Meer, sagt Alida
Schön, das Meer zu sehen, sagt Asle
und dann sagen sie nichts mehr und alles ist entschieden und es gibt nichts, was gesagt werden müsste oder sollte, alles ist sowieso schon gesagt und alles ist sowieso schon entschieden“

In „Schlaflos“ begegnen wir dem jungen Paar Asle und Alida. Die beiden wissen bei ihrer ersten Begegnung, dass sie füreinander bestimmt sind. Asle hat das Talent des „Fiedelspielens“ von seinem Vater Sigvald geerbt und wenn Asle für Alida spielt ist es für beide wie ein Schweben. Alida ist hochschwanger, als sie ihren Heimatort verlassen müssen auf der Suche nach einem neuen Zuhause. „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“, so klingt es fast biblisch an, als sie nach langer Fahrt über den Fjord in Bjørgvin (dem heutigen Bergen) eine Unterkunft suchen. Anders allerdings als in der Weihnachtsgeschichte gibt es keinen Stall, sondern Asle verschafft sich mit Gewalt Zugang zum Haus einer alten Frau. Dort wird noch in der gleichen Nacht ihr Kind geboren, der Sohn Sigvald.

In „Olavs Träume“ wird die Geschichte weitergeführt (Fosse schrieb die zweite und dritte Erzählung viel später). Asle und Alida nennen sich jetzt Olav und Asta. Sie haben Bjørgvin verlassen und leben mit ihrem kleinen Sohn nun in einem verlassenen Haus. Als sich Olav eines Tages zu Fuß auf den Weg in die Stadt macht, um Ringe zu kaufen – man soll sehen, dass sie `verheiratet` sind – bittet Asta ihn nicht zu gehen. Sie ahnt bereits, dass er nie mehr zurückkehren wird. Schon auf dem Weg begegnet er einem seltsamen Alten, der ihn offenbar wieder erkennt. Statt der Ringe kauft Olav ein Armband für Asta, doch da er sich nicht gleich auf den Nachhauseweg macht, findet der Alte, der Rote Meister, der Henker ihn wieder und konfrontiert ihn mit seinen begangenen Verbrechen, von denen der Leser, obwohl er etwas ahnte, nun zum ersten Mal hört. Olav wird festgenommen und kurz darauf öffentlich erhängt, einen Prozess gibt es nicht.

„und sie hört Asle sagen, ich bin da, ich bin bei dir, hab keine Angst, ich bleibe bei dir, sagt Asle und Alida blickt über das Meer und dort, am Himmel dort, sieht sie jetzt sein Gesicht, wie eine unsichtbare Sonne kann sie es sehen, und dann sieht sie seine Hand, sie erhebt sich und sie winkt ihr zu „

In der abschließenden Geschichte „Abendmattigkeit“ wird in Rückblenden erzählt aus der Sicht einer alten Frau, Alise. Wir erfahren, dass es sich um die Tochter von Alida aus der Verbindung nach Asle handelt, der Halbschwester von Sigvald. Alida hatte sich auf die Suche nach Asle gemacht. Halb verhungert entdeckt sie in Bjørgvin Asleik, ein Mann aus ihrem Heimatdorf und nimmt sie auf seinem Boot mit. Schließlich wird sie seine Haushälterin und bald seine Frau. Der Sohn Sigvald verlässt die Familie, um auf den Spuren seines Vaters als Spielmann durchs Land zu ziehen. Es schließt sich der Kreis.

Dieser letzte Teil ist der mystischste, zugleich auch der aufschlussreichste. Der Leser erhält Klarheit, doch auf eine Art, die den Schleier nicht gänzlich lüftet. Es geht magisch zu. Beispielsweise befragt Alida in einem fortwährenden Zwiegespräch den Geist des toten Asle, was sie nun tun soll. Dieser antwortet …  Oder Alise sieht Alida in ihrem Zimmer stehen, die eigentlich längst tot ist, ins Wasser gegangen heißt es.

Fosses Sprache ist aufs Minimalste reduziert. Die Sätze sind kurz. Klingen oft naiv, doch treffen sie genau den zu den Figuren passenden Ton. Die Kargheit der Landschaft, die Armut der Menschen wächst in die Sprache hinein. In den Dialogen wird ein ums andere Mal das Gesagte wiederholt, beschwörende Formeln, gebetsartig wie Mantren. Eine generelle Spiritualität liegt über den Geschichten, man merkt dem Autor seinen Bezug zur Religion an. Aber auch zum Archaischen und zur Natur. Und das ist die Stärke dieses Buches. Nichts ist modern, nichts ist mainstream, nichts ist auf ein Massenpublikum angelegt. Doch findet der Leser, der sich Fosses Schreibstil und seinen Themen anvertraut eben auch um ein vielfaches mehr, als beim vorhersehbaren üblichen Leseallerlei auf dem Buchmarkt.
Obwohl nicht schwierig zu Lesen, braucht man für die „Trilogie“ Zeit (ebenso wie für die Gedichte, die ich kürzlich hier vorstellte), denn Fosses Sprachgewalt liegt auch zwischen den Zeilen, manchmal verborgen im vermeintlich allzu Schlichten …
Es ist jedenfalls außergewöhnlich, sich mit Jon Fosse auf eine Reise in seine stillen, melancholischen Welten zu begeben. Ich habe es geliebt.

Jon Fosses Trilogie und die Stücke sind im Rowohlt Verlag erschienen und von Hinrich Schmidt-Henkel trefflich aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

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3 Gedanken zu “Jon Fosse: Trilogie Rowohlt Verlag

  1. Genau, ich habe es mir auch auf der Bühne vorstellen können. Das Buch ist reine Kunst und gerade in den Wiederholungen entstehen starke eindrückliche Bilder. Es ist Musik. Die Fiedel, die trotz der Brutalität immer wieder durchleuchtet und schwebt, irgendwo da hinten oder da oben…..alles dreht sich und alles kommt und geht.

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