Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag

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Die Stilübungen sind eine grandiose Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeiten.
Lang galten sie als unübersetzbar. Bereits in der ersten Hälfte der 40er Jahre im besetzten Paris schrieb Raymond Queneau die ersten und reichte sie bei Zeitschriften ein. Angenommen wurden sie nur von Blättern, die der Resistance nahestanden. Die Art und Weise die Sprache so aus den Angeln zu heben, war neu und man sah darin offenbar eine subversive Bedrohung.
Wer die Macht der Regeln relativiert, mokiert sich über die Macht.“
Queneau arbeitete auch als Lektor bei Gallimard und gründete nach dem zweiten Weltkrieg die literarische Gruppe Oulipo, unter anderem mit Georg Perec, die, dem Surrealismus nah, ihre eigenen Sprachregeln erfand.
Queneau zeigte bereits in den Stilübungen, wie es geht. Herkömmliche Regeln brechen, Sprache demontieren und damit letztlich das Erzählen. Nonsens, Spiel und Übermut.

Er verwandelt einen kurzen Text über eine selbst erlebte banale Episode in einem Autobus durch verschiedene Stilarten in sehr amüsante Geschichten. Auf „Notiert“ folgen beispielsweise die Varianten: Überrascht, Zögernd, Ausrufe, Schwülstig, Komödie, Mengenlehre, Ode etc.
Oder auch:

Homoioteleuton

Der Tag ist trist, ich frist ihn fast wie ein Tourist in einer öffentlichen Rappelkist. Da ist ein Langhals-Egoist, mit Hutband aus Batist, recht angepisst, ein andrer nämlich, Terrorist!, trample ihm ständig auf den Rist. […]

Oder

Sonett

Mit haarloser Schüssel, umflochtenen Hut
und langem bekümmerten Hals harrte stur
ein schmächtiger Flegel, o Alltagstortur,
des Busses, zumeist eine menschliche Flut.
[…]

Oder

Telegrafisch

BUS VOLL STOP JGR. MANN LANGER HALS FLECHTBAND AM HUT BESCHIMPFT UNBEK. FAHRGAST OHNE GRD. STOP WG. VERLETZTER ZEHEN ABSATZKONTAKT
[…]

Oder

Contrepèteries

Eines Mages tegen Gittag hah ich auf der plinteren Sattform eines Mautobusses einen Ann mit hehr sangem Lals und einer beflochtenen Horte um den Gut. Hunvermittelt errschte nieser Densch einen Mebenstehenden an, der ihm trändig auf die Stüße fas.
[…]

Die beiden Sprachvirtuosen Hinrich Schmidt-Henkel und Frank Heibert nahmen nun erstmals eine neue zeitgemäße Übersetzung in Angriff, nachdem die erste ins Deutsche übertragene von Eugen Helmlé und Ludwig Harig bereits 1961 erschien. Als die deutsche Variante damals herauskam, machte man sich auch in anderen Ländern an eine Übersetzung. Die Herausforderung war groß. Benötigen die Stilübungen doch eine „verschärfte Form des Übersetzens“.

Kürzlich stellten die beiden Übersetzer die „neuen“ Stilübungen im Literarischen Colloquium am Wannsee vor, und zwar schauspielreif. Es war ein hin- und mitreißender Abend. Es war nicht zu übersehen, mit wie viel Spaß und Leidenschaft, aber auch mit welchem Geschick beide Übersetzer mit Sprache umzugehen wissen – es sah nach sehr viel Leichtigkeit aus, doch wurde auch verständlich wie viel Arbeit dahinter steckt. Erneut wurde mir wieder bewusst, was ich viel zu oft vergesse, wie sehr ein Roman oder Lyrik mit der Qualität der Übersetzung steht und fällt. Die Idee „die Haltung des Autors in die Übersetzung zu bringen“ scheint mir hier wegweisend.

Queneau, der vor allem auch durch den Roman „Zazie in der Metro“ bekannt ist, schrieb zunächst 12 Stilübungen und erweiterte bis auf 99 usw.. Außerdem findet man in diesem Band bisher unveröffentlichte, sowie Vorschläge Queneaus für mögliche Stilübungen, die die Übersetzer teilweise aufgegriffen und in eigener Art umgesetzt haben.

Im Anhang des Buches befindet sich eine Liste mit Anmerkungen. Es gibt Begriffserklärungen, die hinreichend zum Verständnis der Stilarten beitragen und ein Nachwort der Übersetzer, welches über das Werk Queneaus informiert und über die eigene Arbeit damit berichtet.

Stilübungen erschien im Suhrkamp Verlag. Es ist ein Band der Bibliothek Suhrkamp, eine etwas größere Ausgabe als üblich, mit Fadenheftung und Lesebändchen, auf feinem hochwertigem Papier gedruckt. Auch die vorherige Übersetzung ist lieferbar und bietet so Vergleichsmöglichkeiten, die spannende Hinweise auf zeitliche Sprachentwicklung aufzeigen könnten. Eine Leseprobe gibt es hier

Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt aus dem Norwegischen, Französischen und Italienischen, unter anderem Espedal,  Fosse und Echenoz,. Frank Heibert aus dem Englischen, Französischen, Portugiesischen, Italienischen und Spanischen unter anderem Delillo, Ford und Vian. Beide arbeiten seit ca. 30 Jahren als Übersetzer, was auf einen enormen Erfahrungsschatz weist. Ein gelungenes Video mit gesprochenen, geradezu inszenierten Stilübungen gibt es hier

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5 Gedanken zu “Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag

  1. Die Übersetzer bedanken und freuen sich. Marina Büttner hat sehr richtig benannt, dass hier viel Leidenschaft, viel Erfahrung und viel Spaß am Werke waren. Schön, wenn die LeserInnen das merken! Wir wünschen weiterhin viel Vergnügen damit!
    Frank Heibert

    Gefällt 1 Person

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