Hendrik Rost: Das Liebesleben der Stimmen Wallstein Verlag

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[…]
Und ab und zu
sagt ein Alter oder ein Kind, die keiner für voll nimmt,

etwas Gravierendes über die Dinge und die Vorstellung,
und das könnte alles ändern – mit blindem Mut.
[…]

Hendrik Rost, Jahrgang 1969, ist eher einer der stillen Lyriker, einer der sich nicht auffällig in der sogenannten Szene bewegt, der aber stetig Gedichtbände veröffentlicht. Lange hat er an dem neuen Band gearbeitet. Bei ihm, wie bei vielen anderen Lyrikern steht das Gedichteschreiben neben dem Brotberuf. Die Ideen für die Gedichte dieses neuen Bandes entstanden überwiegend beim Radfahren, also in Bewegung, höre ich in einem Interview und sie beziehen sich diesmal nicht auf ein bestimmtes Thema oder einen Dichter, so wie beispielsweise im letzten Band auf Tomas Tranströmer.

Rosts Gedichte sind auf den ersten Blick unspektakulär. Sie scheinen eher zu beruhigen, als aufzurütteln. Sie implizieren: Lass dir Zeit beim Lesen! Komm an! Bei dir und in meinen Versen … Fühlt man sich dann eingehüllt von der schönen Sprache, kommt plötzlich eine überraschende, starke Wendung, die wach macht. Was war das, fragt man sich? Und liest noch einmal …

„[…]
Für Kant war Glück eher die Wohlfahrt
der Gesellschaft im Ganzen
statt die einzelner Herzen.
Die Igelmutter wirft zwei bis zehn Junge
mit jeweils gut hundert Stacheln.
Jeder Igel stirbt für sich allein.
Mutig bediene dich deiner Waffen.“

Er kombiniert  Alltäglichkeiten oft mit Stimmen aus der Antike oder Motiven aus der klassischen Philosophie oder beschwört Dichter und Maler. Nie wirkt das befremdlich, sondern zweifellos passend.
Viele Zeilen klingen wie Aufrufe, wie Mahnungen, wie Herausforderungen. Spricht das Dichter-Ich mit sich selbst, meint es uns, den Leser? Ist es eine geschickte Art, Distanz zu sich selbst zu schaffen? Immer wieder klingt es nach Selbstkritik, gar Selbstzweifel.

„Vergiss bitte nicht, alles ist erfunden,
das Aufwachen, die eigene Familie, Tiere,
ein Platzregen, der Hochsommer, die Zeit.

Die eigene Sprache – so was von erfunden.
Sie ist ein Gespinst und die Sprache anderer
in ihr, sie ist von vorn bis hinten Fiktion.

Die Fähigkeiten sind bis ins Detail erfunden,
das Lernen erster Laute bis zu den letzten Worten,
die das ganze Leben lügen Strafen –
[…]“

Seine Themen streut Rost vielseitig: Natur, Tiere, Reisen, Familie. Am Häufigsten aber lese ich über die Auseinandersetzung mit Sprache, mit dem Schreiben und Lesen und der gegenseitigen Wechselwirkung.

[…]
Schreib noch ein bisschen so wie alle,
die vergessen, verraten werden wollen.
Spür, wie die Silben dir die Epidermis
zerkratzen und du verlierst die Kontrolle.
Dann bist du, was du liest, sinnliche Frucht
in einem Baum, der keine Früchte trägt.
[…]

Und über allem schwingt ein poetischer Klang, Rosts Gedichte wirken besonders über ihren Rhythmus. Laut gelesen fühlt es sich an wie feiner Gesang. Und was wirklich selten ist bei Lyrikbänden: Alle Gedichte halten sich auf gleich hohem Niveau – mir gefallen so gut wie alle.

Reichlich verdient stand Rosts Buch im April auf der SWR2-Bestenliste, wo sich sehr selten Lyrikbände behaupten können …
“ Das Liebesleben der Stimmen“erschien im Wallstein Verlag, wie auch seine vorherigen Bände.
http://www.wallstein-verlag.de/autoren/hendrik-rost.html

 

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4 Gedanken zu “Hendrik Rost: Das Liebesleben der Stimmen Wallstein Verlag

  1. Wieder ein schöner Hinweis von Dir (der mir einmal mehr bewußt macht, dass ich von der gegenwärtigen Lyrik zu wenig kenne). Hier spricht mich aber neben diesen zurückgenommenen Zeilen sehr auch das Cover an – ich denke, das Buch hätte ich instinktiv in die Hand genommen, läge es in meiner Buchhandlung aus.

    Gefällt 1 Person

    • Freut mich, dass es dich anspricht.
      Ich komme nicht umhin, hier immer wieder auch einen Lyrikband zu besprechen, in der Hoffnung doch den ein oder anderen begeistern zu können.
      Die Cover sind bei Rost immer sehr schön!
      Viele Grüße!

      Gefällt mir

      • Ich finde es schön, dass Du Lyrik vorstellst – als eine der wenigen. Und eben die zeitgenössische. Es gab ein wenig Aufmerksamkeit nach den Regentonnenvariationen, aber ansonsten ist Lyrik ja eher eine Randerscheinung – bitte also weiter so! Ich kommentiere nicht jedesmal, aber in mir hast Du da eine aufmerksame Leserin.

        Gefällt 1 Person

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