Saša Stanišic liest Fallensteller der Hörverlag

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Ganz bewusst habe ich im Falle von „Fallensteller“ das Hörbuch ausgewählt, denn Saša Stanišic ist ein wunderbar lebendiger Erzähler – das ist schon mehr als Vorlesen, das ist Inszenierung und Spielerei. Normalerweise habe ich lieber den Text in der Hand, die Buchstaben und Sätze vor Augen und inszeniere innerlich selbst. Aber hier ist das Zuhören ein großer Genuss. Vielleicht ist es jedoch sinnvoll, zusätzlich das Buch zu lesen, um zu spüren, wie sich dann die Geschichten öffnen. Mir scheint, sie sind dringlicher, tiefer, als es durch die lockere Vortragsweise Stanišic´ zum Ausdruck kommt.

Im Hörbuch finden sich ausgewählte Erzählungen, nicht das komplette Buch und manchmal auch gekürzt vorgetragen, wobei Stanišic das Fehlende dann erläutert und somit einen Übergang schafft. Sie sind schon sehr witzig und sprühen vor Sprachlust, die man dem charmanten Autor auch beim Vorlesen/Erzählen anmerkt. Da ist einer voller Leidenschaft bei dem was er tut. Und doch wird hinter dem Lustigen auch bald eine tiefe Melancholie spürbar. Stanišic schafft es meist, nicht immer, kurz bevor er mit seiner Komik überdreht und ins Alberne gleitet, eine Wendung hinzulegen.
Und dann kommt es zu solchen wunderschönen Szenen wie die in der „Ferienlager im Wald“-Geschichte (die auch mein Favorit ist), als der Aussenseiter Jörg mit den großen Ohren aufsteht und sich endlich traut den Mund aufzumachen und mit seinen Worten alle zum Staunen bringt.

„Jörgs Stille. So eine Stille kommt in der Natur gar nicht vor. […] Eine Stille kannst du nur dann besitzen, wenn du was zu sagen hast, was wichtig war.“

Oder „Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export“, in der der Hobby-Zauberer mit seiner Leidenschaft endlich ernst genommen wird und das auch noch vom Neffen im Teenageralter.
Oder „Georg Horvath ist verstimmt“, in der Justitiar Horvath ein Geschäft in Rio de Janeiro abschließen soll, aber aufgrund einer Buchstabenverwechslung im Namen im Dschungel landet auf den Spuren eines Vogels mit dem klingendem Namen Pica-paul-de-cabeça-amarela.
Wer den Roman „Vor dem Fest“ kennt, begegnet alten Bekannten aus dem Dorf Fürstenfelde in der Uckermark, die mit einem „Fallensteller“ der besonderen Art konfrontiert werden. Ein Rattenfänger der in Versen spricht? Unglaublich …

Stanišic ist auch ein großer Worterfinder, da kommen solche Worte wie „Erinnerungsamtsstube“ oder eine „sich räuspernde Fabrik“. Seine Geschichten quellen über vor Fantasie  und Fabulierfreude. Klang und Rhythmus treiben den Text voran, Wortwiederholungen verstärken und alles zusammen macht jenen bestimmten
stanišic´schen Ton aus.

Das Hörbuch beinhaltet 4 CDs mit einer Laufzeit von 3 St. 51 min., kommt aus dem Hörverlag und ist ein Live-Mitschnitt einer Lesung im Literaturhaus Hamburg.
Eine Hörprobe findet sich hier.

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