Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag

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Ein ganzer Roman mit Focus auf das Empfinden des Körpers, ein Roman über eine Mädchenkindheit, ein Heranwachsen, ein Frauenleben aus dem Körperlichen heraus betrachtet – faszinierend und wirklich überraschend!

Ich erinnere mich deutlich schon vor längerer Zeit einen Roman von Brigitte Giraud gelesen zu haben. In „Das Leben entzwei“ ging es bereits um ein Thema, das auch in diesem Roman wieder auftaucht – um den Unfalltod des geliebten Menschen. Ein starkes Buch. Dann geriet Giraud bei mir in Vergessenheit, sie hat weitere Romane veröffentlicht, die ich verpasste. Glücklicherweise sprang mir der Buchtitel ihres neuen Romans sofort ins Auge. Mit „Einen Körper haben“ gelingt Giraud ein sehr besonderes Buch.

Tagebuchartig, fast wie ein Journal schreibt Giraud. Sehr dicht werden hier Gedanken und Beobachtungen aneinandergereiht, erzählt wird in der Ich-Perspektive, so dass die Leserin der Protagonistin sehr nahe kommt.
Ein Mädchen, welches sich eher wie ein Junge fühlt und sich noch gar nicht über seinen Körper identifiziert, und doch näht die Mutter, eine Schneiderin, Kleidchen mit Rüschen. Die Mutter wünscht sich eine Prinzessin.

„Meine Mutter weiß, dass ich einen Körper habe, sie will ihn bekleiden, ihn herzeigen, ohne ihn zur Schau zu stellen, ihn schützen, indem sie ihn zur Geltung bringt. […]
Sie entscheidet für mich ein Schicksal als Mädchen …“

Im Urlaub an der Küste wird das Mädchen dem Vater zuliebe dessen selbst gesammelten Muscheln essen … und später wieder ausspeien.

„Meinem Vater gefallen zu wollen, ist ein Dauerzustand, eine Lebensweise, die mich voll und ganz in Anspruch nimmt.“

Giraud beschreibt, wie der Körper des Mädchens auf eine Geisterbahnfahrt reagiert, wie wenig er geeignet ist fürs Skifahren und wie sehr für den Schwebebalken. Sie beschreibt, wie es sich anfühlt in der Kirche eine Hostie zu essen, wie sich ein Turntrikot aus Nylon auf dem Körper anfühlt. Wie sich alles verändert, wenn man in die Welt der Frauen eintritt, wo sich plötzlich alles um den „Zyklus“ und weibliche Formen dreht und wie eine einzige Bemerkung der Mutter über die Essensgewohnheiten des Mädchens eine fatale Wahrnehmungsveränderung auslöst.

„Alles oder nichts ist meine neue Devise, leer oder voll, Askese oder Völlerei, ich schaffe es nicht mehr, wie früher zu werden. Wie früher, als ich noch nicht daran dachte, bevor es das alles gab, bevor mein Körper auf den Plan trat, eng mit meinem Gehirn verbunden.“

Das Mädchen beginnt Jungen interessant zu finden, verliebt sich zum ersten Mal, zum zweiten Mal, entdeckt den eigenen Körper über einen anderen und … wird viel zu früh schwanger. Es folgt eine Abtreibung. Doch die frische Beziehung zu dem jungen Mann hält, es ist die große Liebe. Sie lernen sich näher kennen, sie ziehen schließlich zusammen.
Die Protagonistin hat einen Motorradunfall, wir erleben, wie sie sich danach in ihrem Körper fühlt. Oder wie sie auf einer Reise nach Amsterdam einen Drogentrip durchsteht. Und auch so banale Dinge, wie die Geräusche des Nagelknipsers, den der Freund benutzt oder die Taubheit nach einem lauten Rockkonzert. Und wie die Arbeit als Buchhändlerin auf den Rücken geht …

Sie merkt, wie sie älter wird. Die Frage einer Hochzeit steht nie im Raum, aber die nach einem Kind, wird verworfen, taucht erneut auf, wird entschieden. Unglaublich, wie großartig und vollkommen unsentimental Giraud hier die Körperlichkeit in der Schwangerschaft, die immense Anstrengung der Geburt und die eigene Befindlichkeit beim Heranwachsen des kleinen Sohns beschreibt.

„Ich will ausgehen, laufen, wieder wie früher werden, diese ganzen frauenspezifischen Dinge vergessen, die Sorgen einer Mutter. […] Ich wäre lieber ein Vater, der auf sein Motorrad steigt, wie der Freund, der mit einem Kickstart den Motor anlässt, sich den Helm aufsetzt und davonbraust.“

Der Sohn wächst heran. Es kommt die Überlegung ein zweites Kind zu bekommen. Doch der weibliche Körper spielt nicht mit. Die körperliche Begegnung wird zur Anstrengung.
Und dann gibt es mit einem Mal den Freund nicht mehr – dem Kind erklären warum – ein Unfall. Sich selbst erklären, auf Rückzug gehen, den Körper vernachlässigen, die Trauer im Körper spüren, auf den Schultern, im Herzen.

„Sie sagen, ich müsse meine Gedanken ändern. Ich will mich aber nicht ändern und meine Gedanken erst recht nicht. Ich will das Leben das vergeht und das einem die Kehle zuschnürt, bis zum äußersten Ende spüren. Ich will den Verlauf des Lebens verstehen.“

Langsam und vorsichtig entwickelt die Frau zum Ende des Buches hin wieder eine Offenheit, eine Zugewandtheit zu anderen Menschen und beginnt sich selbst und ihrem Körper wieder zu vertrauen.

Ich merke, wie ich in meiner Besprechung selbst ein wenig in den Ton der Autorin falle. Die Sprache so knapp und prägnant, so gezielt. Ich zitiere auch mehr als sonst, weil es so viele Stellen gab, die ich mir angestrichen habe. Ich finde dieses Buch ganz wunderbar!

Brigitte Giraud wurde 1960 in Algerien geboren und lebt in Lyon. Ihr Roman erschien im S.Fischer Verlag und wurde von Anne Braun aus dem Französischen übersetzt.

 

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4 Gedanken zu “Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag

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