Åsne Seierstad: Einer von uns Kein & Aber Verlag

 

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Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat ein umfangreiches, wenn nicht gar umfassendes Buch über die ein ganzes Land traumatisierenden Ereignisse am 22.7.2011 geschrieben, dem Tag des Attentats von Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya, bei dem 77 Menschen ums Leben kamen.

Kein leichtes Unterfangen war es, dieses Buch zu lesen. Ich habe lange gebraucht, immer wieder andere Lektüren dazwischen geschoben. Warum ich es dennoch gelesen habe? Mich hat der Aspekt interessiert, ob es ausschließlich böse Menschen gibt. Ob alle das Böse von Anfang an in sich tragen wie das Gute. Entscheidet der Mensch sich aus eigenem Willen für das Eine oder Andere? Wie beeinflussen ihn die Lebensumstände, die Kindheit, die Eltern, die Umgebung, die Religion, die Gene?
Das sind die Fragen, die sich auch die Autorin und Journalistin Åsne Seierstad stellte und die im Falle Breiviks so wenig zu klären schienen, dass ihre Recherchen immer umfangreicher wurden und aus einem ersten Artikel dann ein Buch von fast 550 Seiten wurde.

Abgesehen von der konkreten Geschichte des Anders Behring Breivik, bietet es darüber hinaus auch einen tiefgehenden Einblick in die neuere Geschichte Norwegens, speziell in Bezug auf die politische Entwicklung, die offenbar auch für Breiviks Tat eine grosse Rolle spielte.

Seierstad macht einem den Einstieg in das Buch mit einem ziemlich heftigen, erschütternden Einblick auf die Ereignisse auf der Insel Utøya nicht leicht. Der Feldzug Breiviks wird später im Buch noch einmal detailliert geschildert und das sind wirklich die grausigsten Stellen des Buches, die ich ehrlich gesagt an Seierstads Stelle nicht veröffentlicht hätte oder zumindest darauf verzichtet hätte, die letzten Gedanken oder Worte der Sterbenden nachzuempfinden.

Dann beginnt sie noch vor der Geburt Breiviks mit der Familiengeschichte seiner Mutter und schildert seine Kindheit, Jugend und das Erwachsenwerden bis zum Tag der Tat und weiter bis zu Vernehmung, Prozess und Haft. Gleichzeitig erzählt sie in einem weiteren Strang die Lebens- und Herkunftsgeschichten zweier seiner jugendlichen Opfer, die beide politisch und sozial engagiert waren.

Man wundert sich, wo sie die Wort- und Detailgenauigkeit hernimmt, liest aber am Schluss des Buches erstaunt, welch akribische Recherchearbeit Seierstad geleistet hat. Alles was sie erzählt, basiert auf Protokollen oder persönlichen Gesprächen und wird stimmig rekonstruiert. Alle Beteiligten waren mit ihrer Version einverstanden. Alle, außer Breivik selbst …

Breivik, tatsächlich zunächst „einer von uns“, wie es im Untertitel heißt, hat eine recht unsichere Kindheit, die Mutter ist überfordert als Alleinerziehende mit 2 Kindern und beantragt selbst Hilfe beim Jugendamt. Nach langwierigen Untersuchungen und einem Adoptionsversuch des Vaters bleibt Anders dennoch bei Mutter und Schwester. Als Jugendlicher wird er Sprayer, doch schon hier sind narzisstische Züge zu bemerken. Er fühlt sich toller als alle anderen, doch keiner will ihn in seiner Gang, schließlich zieht er sich zurück. Ähnlich geht es weiter in der rechtspopulistischen Partei, der er beitritt und wo er sich Großes erhofft, doch keine „Erfolge“ erzielt. Nach Abbruch der Schule baut er seinen eigenen Business auf, verkauft Aktien und verdient schließlich mit gefälschten Diplomen sehr viel Geld, von dem er später lebt. Als er droht, aufzufliegen, bricht er ab, zieht wieder zu seiner Mutter und beginnt exzessiv mit gewalttätigen Computerspielen. Dort fühlt er sich verstanden und ist erfolgreich. Irgendwann beginnt er islamfeindliche Webseiten zu lesen und zu kommentieren und fängt an sein eigenes Buch, ein Manifest namens „2083 – Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ zu schreiben. Das 1500 Seiten starke Machwerk ist überwiegend aus anderen Texten kopiert, im letzten Teil zeigt sich Breiviks Wahnidee des bewaffneten Kampfes gegen den Multikulturismus in Norwegen und schließlich der Absetzung der „Kulturmarxisten“, damit meint er die Regierung der Arbeiterpartei und alle linksorientierten Gruppen, mit dem Ziel Norwegen und Europa vom Islam zu befreien. Nach Abschluss des Buches beginnt er auf einem gemieteten Hof auf dem Land mit dem Bau einer Bombe nach Anleitungen im Internet und erstellt akribisch bis ins kleinste Detail seinen Plan. Er dopt sich mit Aufputschmitteln und mit mentalen Aufbauformeln.

Am Tag des Attentats, liest man, hätte manches verhindert werden können, zumindest was Utøya betrifft, wäre die Polizei besser organisiert und auf Anschläge vorbereitet gewesen und hätte konkrete Hinweise ernst genommen.
Zwei mal versuchte sich Breivik selbst zu stellen, indem er von der Insel aus bei der Polizei anrief, doch das ging im allgemeinen Chaos unter und so mordete er weiter. Als die Polizisten ihn dann festnahmen, leistete er keinerlei Widerstand, denn das gehörte zu seinem Plan. Er zählte darauf nun endlich beachtet und berühmt zu werden und ein Ansporn für seine Mitstreiter des Tempelritterordens zu sein, der nur in seinem Kopf existierte. In seiner Selbsterhöhung glaubte er sogar Forderungen stellen zu können, was den Prozess und die Haft anbelangt. Er wollte niemals für unzurechnungsfähig gehalten werden, wie es eines der beiden psychiatrischen Gutachten darlegte. Die Richter selbst entschieden schließlich für voll schuldfähig, was die Höchststrafe von 22 Jahren und mehr bedeutete.

Tatsächlich bleiben am Ende der Lektüre, wie könnte es anders sein, alle oben genannten Fragen offen. Der Versuch, den Massenmörder Breivik zu durchdringen konnte nicht gelingen. Das Buch ist dennoch wichtig, es ist notwendig, zumindest zu versuchen die Dinge aufzuschlüsseln und sie müssen mitgeteilt werden.
Und es zeigt, wie Menschen es schaffen, in Katastrophensituationen Zusammenhalt zu finden. Gut wäre, wenn es Katastrophen dazu nicht bräuchte …

Åsne Seierstads Buch „Einer von uns“ erschien im Verlag Kein & Aber und wurde von Frank Zuber und Nora Pröfrock übersetzt.

 

 

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