Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe Arche Verlag

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Es tut mir ausgesprochen leid. Gerne hätte ich in die Lobeshymne mit eingestimmt. Sogar im „Literarischen Quartett“ waren sich alle einig. Dieses Buch ist große Literatur, hieß es allerorten. Aber ich muss gestehen, dass ich mich dem Chor nicht anschließen kann.

Warum?
Ich finde die Geschichten nicht überragend, weder sprachlich noch inhaltlich. Ich habe nur bis zur Hälfte gelesen, (wer weiß, vielleicht habe ich nun ausgerechnet die großartigen verpasst?) und in dieser Hälfte gab es zwei Stories, die mir tatsächlich sehr gefallen haben. Das sind die Geschichten „Stille“ und „Notaufnahme Notizbuch“, da sie wirklich ins Mark treffen und auch eine sprachliche Tiefe haben. Alle anderen sind so lala und lesen sich wie Verschnitte der vorher genannten. Am meisten störte mich, dass es sich letztlich fast immer um ganz ähnliche Inszenierungen handelt. Mich störte diese Gleichförmigkeit, mich langweilten die Geschichten, je mehr ich davon las. Immer wieder Krankenhaus und Alkohol, immer wieder traumatisierte Menschen, immer wieder verkorkste Leben.

Normalerweise finde ich solche Thematik durchaus spannend. Ich las gerne Jacksons „Das verlorene Wochenende“ oder „Ruhestörung“ von Yates oder Stories von Foster Wallace. Doch diese Autoren erreichen für mich sehr viel mehr Tiefe, haben viel stärkeres Ausdrucksvermögen. Bei Lucia Berlin sehe ich das nicht. Bei ihr machen mich diese Themen müde. Mir fehlt erstaunlicherweise gerade hier in diesem Buch der „Glutkern“, der von Thea Dorn im „Quartett“ ins Gespräch gebracht wurde …
Sicher, der Ton ist oft witzig, manchmal schnoddrig, das macht es schon außergewöhnlich, allerdings, wie ich finde, auch oberflächlich und schafft zuviel Distanz. Man kann es auch Ironie nennen. Aber für mich steckt dahinter keine große Sprachkunst.

Mag sein, dass ich so gar nicht mehr mit der US-amerikanischen Literatur zurecht komme, hatte ich doch ganz ähnliche enttäuschende Erlebnisse mit dem neuesten Roman von Jonathan Franzen, auf den ich mich sehr gefreut hatte, und mit dem so hoch gelobten Autoren Donald Antrim.

Über dieses Buch nun wird sehr viel im Zusammenhang mit der Biografie der Autorin gesprochen. Sie hatte tatsächlich ein wirklich hartes Leben, aber davon kann sich nicht die literarische Qualität ihrer Texte ableiten lassen.
Dennoch: Es ist gut und wichtig vergessene Autor/en/innen wieder zu entdecken. Und Lucia Berlin wird sicher ihre Leser finden. Ein jeder bilde sich sein eigenes Urteil …

Und wer nun im Gegenzug eine sehr begeisterte Besprechung einer geschätzten Bloggerkollegin lesen möchte, der tue das bei Birgit von Sätze & Schätze.

„Was ich sonst noch verpasst habe“ erschien im Arche Verlag und wurde von Antje Ravic Strubel übersetzt.

 

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5 Gedanken zu “Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe Arche Verlag

  1. Ach, das ist schade – aber ich verstehe auch einerseits, dass das beim Lesen zu eintönig sein kann. Mich hat das wiederum nicht gestört, ich habe die Erzählungen fast gelesen wie einen Roman, ineinander greifend. Aber so ist es halt beim Leserleben – es wäre auch öde, gefiele allen dasselbe…

    Herzlichen Dank für die netten Worte und den Link zu meiner Rezension!
    Einen schönen Abend wünscht Birgit

    Gefällt 1 Person

    • Ich finde es immer wieder sehr spannend, wie unterschiedlich Texte gelesen und erlebt werden. Das war bei Hahns „Das Kleid meiner Mutter“ auch so und bei Stamms „Weit über das Land“.
      Liebe Grüße!

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  2. Mir ging es ganz ähnlich mit den Stories. Irgendwie hatte ich das Gefühl der Wiederholung. Als würde ein Thema in verschiedenen Facetten wieder neu erzählt. Der schnodderige Ton gefiel mir allerdings auch.

    Gefällt 1 Person

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