Doris Knecht: Wald Rowohlt Verlag

2016-07-03 15.10.15

„Hegel funktionierte ja auch immer. Jedenfalls ging es vereinfacht gedacht darum, dass es, wenn es kein Marian registrierendes Bewusstsein gab, auch keine Marian gab, dass ohne den auf sie gerichteten, sie wahrnehmenden Blick Marian nicht existierte, mit oder ohne Falten nicht. So einfach.“

Hui, was war das?
Was für eine Sprachkraft, welch treffliche Sätze fliegen mir hier um die Ohren?
Doris Knecht, welch ein Glück, dass ich sie endlich gefunden habe, beweist einmal mehr, wie großartig und besonders die österreichischen Autorinnen schreiben können. Sei es Valerie Fritsch oder Gertraud Klemm, sei es Marlene Streeruwitz oder Elfriede Jelinek – sie alle beherrschen ihr Handwerk ausgezeichnet und haben einen Ton, der mir vorzüglich gefällt. „Wald“ ist ein Meisterstück!

Eine Frau um die 40 zieht in ein altes geerbtes Haus auf dem Land; nur Dorf, Fluß und Wald rundherum. Das Haus ist alles was ihr geblieben ist. Sie besitzt nichts mehr, sie hat kein Geld. Sie hat den ersten Winter irgendwie überstanden mithilfe des Selbstgebrannten und den alten Einmachgläsern aus dem Keller und den zerlegten Möbeln vom Dachboden, die als Feuerholz dienten. Mit einer gefundenen Pistole geht sie in den Wald und tötet ein Reh, doch so einfach geht das nicht. Franz, Großgrundbesitzer und Jagdpächter, erwischt sie. Er zeigt sie nicht an, sondern bringt ihr vom Fleisch. Er bringt ihr auch Holz. Doch nun steht sie in seiner Schuld und so beginnt eine ungewöhnliche Beziehung, die auf einem scheinbar seltsamen Tauschgeschäft basiert: Materielle Versorgung gegen körperliche Zuwendung. Doch das ganze ist letztlich viel komplexer. Sie macht sich Gedanken, wie sie weiterleben will, sie lässt die Vergangenheit Revue passieren …

„Früher, viel früher: Da brauchte man nur eine gute Ausbildung, man musste nur ein fleißiger Einserstudent sein, man brauchte nur Tüchtigkeit, Durchhaltevermögen, einen Rolodex voller guter Kontakte und viel Kaffee (oder Red Bull oder Koffeintabletten oder Kokain): Dann hatte man Erfolg. Zuverlässig. […]
Das Rezept hatte nach dem Krieg zu funktionieren angefangen, und dann funktionierte es gut fünfzig Jahre lang gut, und dann funktionierte es wegen ein paar dummgekoksten Wallstreetzockern plötzlich nicht mehr.“

In Rückblenden wird die Vorgeschichte Marians erzählt, indem immer wieder Erinnerungsspuren gelegt werden: Marian alias Marianne hat durch die Finanzkrise ihr erfolgreiches edles Marken-Modeatelier verloren. In einer Zeit, in der sie mehr Augenmerk auf die wirtschaftlichen Entwicklungen hätte legen sollen, hatte sie sich nach der Trennung vom langjährigen Lebensgefährten Oliver in den leichtlebigen Bruno verliebt und ihr Atelier neu ausgebaut. Doch es kommen immer weniger Aufträge. Die Schulden wachsen. Was Marian anfangs ignoriert, führt sie binnen kürzester Zeit in den Bankrott. Und damit ins gesellschaftliche Aus. Der noble Bekanntenkreis zeigt zwar Mitleid, spiegelt ihr aber ebenso ihr vermeintliches Selbstverschulden. Marian sieht als einzigen Ausweg die Flucht aus dem bisherigen Leben und taucht unter. Ein Leben im Ausnahmezustand beginnt oder ist das nun die echte und wahre Lebensart?

„Der Gedanke lässt sie stolpern, während sie ihn denkt, es hat etwas von einem Escher-Bild, auf das man zu lange schaut: Sie weiß nicht mehr, ob sie drin ist oder draußen. Sie kann sich nicht entscheiden, was besser ist: die Rolle zu spielen? Keine Rolle mehr zu spielen? Zu spielen, dass man spielt, dass man nicht spielt?“

Doris Knecht ist eine genaue Beobachterin, sie wirft einen schonungslosen Blick auf das, was in unserer Gesellschaft vonstatten geht. Was sie schreibt ist absolut stimmig, ihr direkter Ton tut ungemein gut. Ihr trockener Humor belebt. Nichts wird beschönigt oder glattgebügelt. Jeder Satz sitzt. Die Hauptprotagonistin wird zur sympathischen Anti-Heldin. Selbst der Schluß, bei dem auch alles hätte aus dem Ruder laufen können, gelingt Knecht meisterlich. „Wald“ ist ein wahnsinnig guter Roman! Ein Leuchten!

Doris Knecht lebt in Wien. Ihre Romane erscheinen im Rowohlt Verlag.
Der vorherige Roman „Besser“ ist gleichwohl empfehlenswert.

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6 Gedanken zu “Doris Knecht: Wald Rowohlt Verlag

  1. Liebe Marina,
    mir hat er ja auch so gut gefallen, der Roman aus dem Wald. So ein komplexer Blick auf verschiedene gesellschaftliche Felder (Wirtschaftskrise und Abstieg auf der einen Seite, das Verhältnis von Männern und Frauen auf der anderen), die wunderbare Erzählstimme Marians (mit dem besonderen – österreichischen? – Humor), das Konzept, den Roman den Stunden des Tages folgen zu lassen: eine ganz runde Sache. Und Durch Deine Besprechung konnte ich auch noch einmal in den „Wald“ eintauchen und meinen Erinnerungen nachhängen.
    Viele Grüße, Claudia

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  2. Da werde ich um eine baldige Lektüre des Buches nicht drumherum kommen, liebe Marina. Du weckst mit deinem wunderbaren Beitrag die Vorfreude auf diesen Roman, der schon in meinem Regal steht und auf meine Lektüre wartet. Ich finde das Thema Rückzug allgemein sehr interessant und bin nun sehr gespannt. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

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