Walle Sayer: Was in die Streichholzschachtel paßte Klöpfer & Meyer Verlag

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„[…] Das Tagesleck mit einem Satz abdichten. Und, Schlußverse in der Mitte versteckt, Vergangenheiten hinhaltend. Bis um einen herum Brennesseln wachsen. Bis ein lichter Hallraum entsteht. Bis aus dem Gesehenen Gesehenes wird.“

Walle Sayer ist einer der Lyriker, der sich nicht einer Mode anpasst. Auch wenn vielleicht gerade jetzt wieder der Trend zur Prosalyrik geht – Sayer schreibt diese schon seit Jahren und ist mittlerweile ein Meister darin.

Bereits in seinem Band „Kerngehäuse“ zeigte sich ein Blick auf die Welt, der dem meinen so ähnelt. Doch jeder neue Band bringt weitere Einsichten, weiteres Verdichten des Alltäglichen. Der Untertitel des neuesten Buches lautet „Feinarbeiten“ und birgt auch den Hinweis, worauf der Dichter sein Augenmerk legt. Es ist das feine sprachliche Aufarbeiten eines aufmerksam durch die Welt Gehenden, eines „Sehenden“.  Reine Wahrnehmung wird verwandelt in dichte Verse, in unumwundene Worte. Es ist wie ein Wechsel des Aggregatzustands – das Beobachtete wird im Innern bewegt und tritt in Worte gefasst neu hervor …

“ […] Aber was ist das, was da ist. Aber was ist das, was du siehst, was sich zeigt. Wenn eine müde Straßenlampe auftaucht, die darauf zu achten hat, daß zwei Wohnblöcke ihren Abstand einhalten. […]

Das Lesen dieses Bandes ist ein Flanieren durch ein Bilderkabinett. Von Seite zu Seite geht man, bleibt oft staunend stehen, betrachtet Details, tritt zurück, um das Gesamte zu sehen. Wie Stilleben aus verschiedenen Epochen gestaltet Walle Sayer seine Miniaturen, die oft nur eine halbe Seite brauchen, drapiert die Worte so, dass sie ein stimmiges Bild ergeben und wirken.

Es schieben sich dann auch Erinnerungen mit hinein in die Texte, wie es damals war und was nicht vergessen werden will. Der Kindheitsblick oder der Erwachsenenblick rückwärts und mitunter der sehnende Blick desjenigen, der älter wird. Die Betrachtung der Natur, die Geschehnisse im Heimatort, der Bezug zur Religion – das sind Sayers Themen.

„Der Platzbedarf einer Leerstelle. Die Fadenheftung unserer Jahre. Am Ruhepuls der Zeit läuten Betglocken. Was sind das für Gestalten, drüben an der Außenlinie deiner Biographie.“

Zeitweise wird aus Prosagedicht auch Kürzestprosa. Sayer erzählt dann Geschichten. Kurz und dicht und vermeintlich unspektakulär, bliebe man nicht an so manchem Satz hängen, der etwas im Eigenen anrührt.Tatsächlich kamen mir beim Lesen mitunter Assoziationen zu Wilhelm Genazinos Romanen. Vergleichen kann man beide indes nicht.

„Deine Schritte waldstill hallen. Dein Ausatmen die Luft verformt. Du, als Schlußläufer, der immer nur bei sich ankommt, dich selbst einholt.“

Walle Sayer wurde 1960 geboren und lebt in einem kleinen Ort am Neckar. Seine Bücher erscheinen im Verlag Klöpfer & Meyer. Näheres über Autor und Buch liest man hier.

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