Ulla Lenze: Die endlose Stadt Frankfurter Verlagsanstalt

 

Cover Lenze stadt

In der FAZ las ich letzthin einen interessanten Bericht von Ulla Lenze über ihre Reisen in den Nahen und Fernen Osten. Im Iran auf der Teheraner Buchmesse dabei waren auch die österreichische Schriftstellerin  Anna Baar und der Schweizer Peter Stamm, deren Bücher ich sehr mag. Lenzes Romane kannte ich bisher noch nicht und wurde nun neugierig auf ihren Roman „Die endlose Stadt“.

Darin geht es in der Tat um zwei endlose Städte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Istanbul und Mumbai. Lenzes Stadtbeschreibungen sind wunderbar atmosphärisch dicht.
Es geht aber um viel mehr: um den Kulturbetrieb, die Tragik des Künstlerdaseins, die Beziehung zwischen Künstler und Kunstkäufer, um soziale Ungerechtigkeit, um den Abgrund zwischen Arm und Reich, um unüberwindbare(?) Unterschiede zwischen den Kulturen, zwischen „Orient und Okzident“, um Sensationsjournalismus und den Versuch als Journalist authentisch zu bleiben. Es geht um nichts geringeres als Ethik und Moral, allerdings auf die bestmögliche Weise in einer lebendigen Art durch einen Roman interpretiert.

Als Hauptfiguren schickt die Autorin Holle, eine deutsche Malerin und Fotokünstlerin  und Theresa, eine deutsche Journalistin in die „endlosen“ Städte. Aus beider Perspektive wird abwechselnd und teilweise zeitversetzt erzählt.

Die Geschichte beginnt in Istanbul, wo Holle als Stipendiatin in einem Kunsthaus einige Monate arbeiten und leben darf. Ihr künstlerisches Ziel ist es menschenleere Orte in einer Millionenstadt zu fotografieren. Sie will die Abwesenheit innerhalb der steten Bewegung einer überfüllten Stadt einfangen. Um dieses Motivs willen verharrt sie oft Stunden an einem Platz. Sie lernt Celal kennen, einen Dönerladenbesitzer, mit dem sie nur in englischer Sprache radebrechen kann, der sich in sie verliebt. Mit ihm erfährt sie auch eine andere „untouristische“ Seite Istanbuls. Als er ihr jedoch einen Heiratsantrag macht, flieht sie zurück nach Berlin.

„Sie denkt an die menschenleeren Straßenzüge in Istanbul. Sie kann jedesmal spüren, wenn das Gleichgewicht sich einstellt, wenn sie selbst, als wäre das Gewicht auf der anderen Seite nur schwer genug, in die Luft gehoben wird und wenn zwei gleich starke, einander in der Schwebe haltende Mächte sich gegenüberstehen. Subjekt und Objekt. Das ist der Moment des Fotos.“

Sie trifft Christoph Wanka, einen vermögenden Geschäftsmann und Kunstsammler, der ihr einige ihrer Bilder abkauft. Sie fühlt sich in seiner Gegenwart zwiegespalten, einerseits hingezogen, anderseits ablehnend, da sie sich als Künstlerin als eindeutig Abhängige sieht. Er verschafft ihr eine Wohnung in Mumbai, wo sie an ihrem Fotoprojekt weiterarbeiten will. Dort merkt sie schnell, dass ihre Idee des Stillstands nicht greift und lehnt eine Auftragsarbeit von Wanka ab. Stattdessen fliegt sie zu Celal nach Istanbul zurück, wo sie allerdings nicht etwa zur Ruhe kommt, sondern durch Celals nicht ganz legale Geschäfte in Teufels Küche und in die Gezi-Proteste gerät ….

Gleichzeitig lebt nun die Journalistin Theresa in Mumbai in Holles Wohnung, die diese untervermietet hat. Auch Theresa zweifelt an ihrer Arbeit. Sie spürt, dass alle wirklich wichtigen und berührenden Erlebnisse und Bilder verloren gehen, sobald sie sie festhält, sobald sie darüber für die Öffentlichkeit berichtet. So hinterfragt sie jeden neuen Auftrag. Sie erlebt dort Armut direkt neben maßlosem Reichtum: Auf dem Dach eines Hochhauses, in dem sie sich auf einem luxuriösen Cocktailempfang amüsieren soll, gibt es eine Art Lager für Arme, einen Slum.

„Es war eine aufgeblätterte Stadt, winkende und raschelnde Stadt, voller Unruheherde und Flüsterer. Chipstüten, zerbeulte Coca-Cola-Dosen, Zigarettenschachteln, Einwickelpapier. Eine Textur entstand, eine Schrift, ein Archiv: Abfall, in allen möglichen Stadien, staubig, schmutzig, pelzig, verschimmelt, neu. Man sah die Schichtungen der Zeit, und man sah die anderen, ihre Spuren.“

In einer Ausstellung in Mumbai, die von Wankas Firma gesponsert wird, sollen auch die neuesten Gemälde von Holle ausgestellt werden. Doch Holle ist in Istanbul und Theresa übergibt in der Wohnung gelagerte Bilder, die nicht dafür vorgesehen waren und schlüpft schließlich bei der Vernissage in Holles Rolle …

Ein beeindruckender Roman, der nicht an der Oberfläche bleibt, sondern Einblick gibt in Strukturen unserer Gesellschaft, die viel öfter schriftstellerisch hinterfragt werden sollten. Ulla Lenze hat einen Blick und eine passende Sprache dafür. Ich mag diesen Roman sehr!

Ulla Lenze, Jahrgang 1973, war selbst aufgrund von Stipendien in Istanbul und Mumbai. Sie lebt in Berlin. Ihre Romane erscheinen in der Frankfurter Verlagsanstalt.

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6 Gedanken zu “Ulla Lenze: Die endlose Stadt Frankfurter Verlagsanstalt

    • Danke für den Hinweis auf „Der kleine Rest des Todes“. Auch aufgrund der Thematik werde ich mir das als Lektüre vormerken. Mit der Darstellung ihrer Figuren hatte ich keine Probleme. Zumindest fand ich das Bild der Hauptprotagonistin sehr stimmig. Holle selbst scheint ja so oberflächlich zu sein, was andere Menschen betrifft, hat nur den tieferen Blick, wenn es um ihre Kunst geht. Deshalb kann sie sich ja auch auf keinen einlassen. Theresa wird eher über ihre Journalistentätigkeit eingeordnet, aber sie ist für mich auch nur der Schatten von Holle. Tatsächlich hätte ich mir den Roman noch umfangreicher gewünscht.

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