Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus Wallstein Verlag

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„Ob ich nach den Wochen hier noch einmal die Lust oder den Mut haben werde zu lachen? Ach, vielleicht sogar sehr? Vielleicht soll man überhaupt an solchen Orten erst das Lachen erlernen, um es ganz unverlierbar in sich zu haben.“

Mit 20 Jahren hat die 1915 geborene Lyrikerin und Erzählerin Christine Lavant sechs Wochen in der Landesirrenanstalt Klagenfurt verbracht. Nach einem Suizidversuch hat sie sich freiwillig dort hin begeben. Ihr autobiografischer Text entstand im Jahr 1946, elf Jahre nach ihrem Aufenthalt in der Anstalt.
Für Lavant war es zeitlebens schwierig ihre Werke zu veröffentlichen, immer gab es den Zweifel, zu viel von sich selbst preis zu geben. So auch hier bei den „Aufzeichnungen“. Glücklicherweise blieb dieses Manuskript erhalten. Es wurde zu Lebzeiten nie veröffentlicht, nur als Hörspiel in England von einer befreundeten Übersetzerin inszeniert, in deren Nachlass es später auch gefunden wurde.

In der Erzählung wird zunächst nicht deutlich, weshalb die Hauptfigur sich das Leben nehmen wollte, doch wird im Verlauf immer klarer, dass sie absolut fehl am Platz ist in der Psychiatrie, sie ist bei klarem Verstand. Sie beobachtet mit genauem Blick ihre Mitpatientinnen und die Pflegerinnen, tritt selbst oft unterstützend und mitfühlend ein. Und sie durchschaut sehr schnell die Zusammenhänge und Abläufe des Anstaltsdaseins und somit auch, wie sie sich am besten verhalten muss, um ihr Ziele zu erreichen. Sie will schreiben und sie will den Mann für den sie schwärmt, den sie verehrt, einen viel älteren Arzt, konsultieren dürfen, allein aus dem Grund, ihn wiedersehen zu können. Das schafft sie, doch ist danach auch klar, dass es sich um eine unerwiderte Liebe handelt. Sie ist untröstlich und wünscht sich irre zu sein, um bleiben zu können in diesem Raum, der letztendlich auch Schutz bietet, vor der Aussichtslosigkeit draußen. Nach sechs Wochen jedoch wird die Patientin entlassen.

[…] aber es wundert mich immerhin, dass die, welche hier dazu berufen sind, zu beruhigen und zu lindern, nicht die nötige Zeit dafür aufwenden, um sich in die seltsamen Gedankengänge der Kranken so weit einzufühlen, dass sie die Stelle herausfinden, an welcher sie einzusetzen haben. Sicher wäre es oft viel einfacher als man annimmt und mit ein paar entsprechenden Worten gelänge mehr als mit Spritzen und Zwangsjacken.“

Sofort nach Beginn der Lektüre fiel mir die Verbindung zu einem erst kürzlich gelesenen Buch auf, in dem es ebenfalls um das Thema geht. Auch in Amalie Skrams Professor Hieronimus begibt sich eine Künstlerin freiwillig in die Psychiatrie und berichtet im Nachhinein über die erschreckenden Erlebnisse. Hier wie da, zeigt sich eine ähnliche Problematik: Eine Frau mit eigenem Kopf und einer künstlerischen Passion wird sehr schnell pathologisiert und weggesperrt. Dennoch ist sichtbar, dass einige Jahrzehnte zwischen beiden Frauen liegen. Bei Lavant wird die Szenerie nicht ganz so grausam und aussichtslos dargestellt. Doch auch sie schildert die Erlebnisse aus einer sehr persönlichen Erzählperspektive. Und sie tut das in typisch Lavant´scher Art, durch die immer auch ihre lyrische Sprache hindurch scheint.

„Da schreibe ich nun dies mit gewöhnlichen Worten, schreibe es wie irgendetwas und müsste eigentlich die Mauern hier Stein für Stein abbrechen, um jeden einzeln gegen den Himmel zu werfen, damit dieser sich darauf besänne, dass er auch gegen sein Unten noch eine Verpflichtung hat.“

Lavant wollte statt der vorhersehbaren Laufbahn einer aus armen Verhältnissen stammenden Bergarbeitertochter etwas anderes. Sie wollte schreiben, sie wollte Dichterin sein. Es ist ihr gelungen, doch der Preis waren andauernde Armut und tiefe Zweifel.

Unbedingt lesen sollte man auch Lavants „Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“, denn ihre Lyrik ist von ganz besonderer tiefer Schönheit.
Beide Bände sind im Wallstein Verlag erschienen und mit aufschlussreichem Anhang und biografischen Daten versehen.

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3 Gedanken zu “Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus Wallstein Verlag

  1. Sehr interessant in diesem Themenbereich ist auch „Zehn Tage im Irrenhaus“ („Ten Days in a Mad-House“) von Nelly Bly. Bly war Journalistin, heute würde man wohl sagen investigative, und hat in den 1880ern eine psychische Erkrankung vorgetäuscht, um in ein New Yorker Irrenhaus eingewiesen zu werden. Das war ihr erster Auftrag als Journalistin und ihr Bericht ist wirklich erschreckend.

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