Szczepan Twardoch: Drach Rowohlt Verlag

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Der Roman „Drach“ des polnischen Autoren Szczepan Twardoch bietet eine gewisse Herausforderung, aber eine sehr erfüllende! Ein Leuchten!

Er ist exzellent und außergewöhnlich in seinem Aufbau und seiner Eigenart. Es ist eine, nein, es sind viele Lebensgeschichten, die sich verzweigen und die über Jahrhunderte hinweg einen Einblick in einen kleinen Teil der Geschichte Oberschlesiens bieten, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren zwischen erstem und zweitem Weltkrieg und in der Gegenwart liegt und da wiederum auf den Lebensgeschichten der beiden Figuren Josef Magnors und Nikodem Gemanders, die sieben Jahrzehnte trennt. In einem der Erzählstränge kehrt Josef Magnor als junger Mann aus dem ersten Weltkrieg nach Hause zurück, findet Arbeit in der Zeche, heiratet, wird Vater, verliebt sich in ein Mädchen, tötet es aus Eifersucht, wird versteckt unter der Erde im Schacht und landet schließlich in der Irrenanstalt. Nikodem Gemander wächst am selben Ort auf, wie Josef Magnor, nur Jahrzehnte später, erlebt die politische Wende als Kind, studiert Architektur, heiratet und wird Vater, erhält einen bedeutenden Architektur-Preis, verlässt Frau und Kind wegen eines jüngeren Mädchens und landet schließlich in der Psychiatrie. Drumherum webt Twardoch kunstvoll seine Erzählnetze.

Jegliche Kapitelüberschriften bestehen aus diversen Jahreszahlen von 1241 bis 2014. In jedem Kapitel beschreibt der Autor kurze Episoden aus den jeweiligen Jahren (und den jeweiligen Leben),  so dass der Leser der Handlung ausgesprochen konzentriert folgen muss. Ob der diversen Zeitsprünge innerhalb der Kapitel, die oft abrupt von einem zum anderen Satz kommen, hat man sonst leicht den Faden verloren. Allerdings schadet es der Lektüre auch nicht, einmal den Anschluss zu verlieren, denn die Essenz dessen, was erzählt wird, bleibt immer erhalten. Überhaupt ist das wieder einmal so ein Wunderbuch, bei dem es für mich nicht in erster Linie auf den Inhalt ankommt. Sprache und Konstrukt sind hier vorrangig und ein echter Genuß.

„Gela Magnor ist achtundachtzig Jahre alt. Früher einmal war sie Gela Czoik. Jetzt nicht mehr.
Gela Czoik ist zwanzig und steht in der steinernen Kirche von Przyszowice neben Ernst Magnor, und sie gelobt Ernst, was die Frauen den Männern in der Kirche üblicherweise geloben, und Ernst gelobt ihr dasselbe.
[…]
Gela Magnor will etwas sagen, vergisst aber, was das war. Also schweigt sie. Hat Angst. Gela ist dreizehn.“

Das Bemerkenswerteste indes ist, dass die Ich-Erzählerin des Romans die Erde ist. Beim Lesen vergisst man das immer wieder, fragt sich, was der Satz bedeuten soll, bis man sich erinnert, achja, die Erde selbst spürt ja die trippelnden Schritte eines Kindes oder lagert ja in ihrem Bauch unendlich viele verwesende Leichen oder spürt, wie die Grubenarbeiter in ihr Sprengungen machen.

„Der Slowake hieß Anton Stodola, jetzt heißt er Leiche, auch wenn er noch warm ist. Gela Czoik fasst das Blut auf seinem Kopf an und weiß nicht, warum die Angreifer ihn umgebracht haben; ich weiß es, doch das hat keine Bedeutung.“

Die Erde ist eine unerbittliche Erzählerin. Sie schont uns nicht, schildert mal detailreich, mal präzise und knapp, was zu sagen ist. Und sie richtet unseren Blick auf manches Unappetitliche, auf die Vergänglichkeit und darauf, dass ja doch alles „nicht von Bedeutung ist“.  Sie ist eine Alleswisserin, die die Vergangenheit und die Zukunft kennt, und den Todeszeitpunkt eines jeden. Sie macht uns darauf aufmerksam, wie subjektiv Zeitempfinden ist und welch kurze Spanne ein Menschenleben dauert im Verhältnis zur Unendlichkeit des Universums.

„Mensch, Baum, Reh, Stein, ich. Alles das Gleiche.
Nikodem, Stanislaw und Natalia Gemander, Ernst und Gela Magnor, Josef und Valeska Magnor leben am selben Ort und in der gleichen Zeit, wenn auch in verschiedenen, sich aufeinander ablagernden Jahren, so wie die Rehe.“

In Twardochs Roman geht es letztendlich darum, was uns ausmacht, wer wir sind, ob wir Körper und Seele sind oder viel mehr und was wohl bleibt. Es geht um Wissen und Bewusstsein. Aber auch darum, dass wir Teil der Natur sind, dass wir tierhaft sind. Es geht um Kriege und um das, was Menschen sich gegenseitig antun, im Kleinen wie im Großen.

„Drach“ von Szczepan Twardoch (Jahrgang 1979) erschien im Rowohlt Verlag Berlin und wurde sehr gut übersetzt von Olaf Kühl.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Szczepan Twardoch: Drach Rowohlt Verlag

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