Joost Zwagerman: Duell Weidle Verlag

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Das renommierte Hollands Museum in Amsterdam soll renoviert werden. Die letzte große Ausstellung vor der Schließung wird von Jelmer Verhooff, dem Leiter des Museums, organisiert und sie soll „Duel“ heißen. Lauter junge, vielversprechende Künstler werden ausgewählt (Jelmer nennt sie manchmal spöttisch „Installateure“) mit wahnsinnig innovativen Kunstprojekten, die sie in Beziehung zu einem der großen Werke aus dem Bestand des Museums setzen sollen. Nur eine ist dabei, Emma Duiker, die noch richtig „klassisch“ malt. Sie kopiert perfekt Meisterwerke, in diesem Fall das Werk „Untitled No. 18“ von Mark Rothko.

„So ging Emma Duiker auch vor, auf den ersten Blick wie eine Kopistin, doch sie selbst empfand sich mehr als eine reproduzierende Künstlerin. Das sagte sie zumindest zu Verhooff, als er sie einmal besuchte. Der „Komponist“ Rothko könne auf unterschiedliche Weise gespielt werden, und sie versuche aus ihrer Darstellung von Untitled No. 18 mehr als eine normale „Aufführung“ zu machen; sie unternehme den Versuch, die Seele des Machers offenzulegen.“

Einige Monate nachdem das Museum bereits geschlossen ist, stellt der Chefrestaurator Olde Husink fest, dass der Rothko im Bestand eine Fälschung ist und teilt dies seinem Chef Verhooff mit. Emma Duiker muss die Bilder am Ende der Ausstellung ausgetauscht haben …
Und nun beginnt eine spannungsreiche, amüsante und höchst interessante Odyssee, in der nicht nur das Originalbild, sondern auch Museumsdirektor und Restaurator auf Reisen und an ihre Grenzen gehen.

Verhooff, Mitte vierzig, der selbst als junger Mann mit ganz viel Idealismus und Hingabe bei der Sache „Kunst“ war, der selbst eine kleine alternative Galerie aufbaute, einzigartige junge Künstler entdeckte und förderte, dann aber eine steile Karriere hinlegte und nun nur noch als Organisator und Repräsentant mit riesigen Summen jongliert, wird nun plötzlich von der knapp dreißigjährigen enthusiastischen Emma Duiker daran erinnert, was Kunst tatsächlich sein könnte, was Kunst mit den Menschen macht, wenn man sie aus ihrem „toten“ Museumsdasein herausholt.

Dass das Kunstwerk durch die Faust des Direktors zu Schaden kommt, ist letztlich, wie ich erstaunt las, nicht irreparabel. Mit viel Zeit und noch viel mehr Geld ist alles restaurierbar. Ein paar Millionen hin oder her, scheinen in diesem Rahmen keine Rolle zu spielen. Und so könnte schließlich alles gut ausgehen …

Zwagerman wirft hier einen durchdringenden Blick auf den heutigen Kunstmarkt und die Szene. Die Lektüre wirft Fragen auf: Was ist Kunst? Was ist der Wert der Kunst? Geld oder Genuß? Materiell oder ideell? Wer darf und kann Kunst machen? Für wen wird Kunst gemacht? Für reiche Sammler, die die Werke gut konserviert unter Verschluß halten? Für Museumsbesucher, die sich in kompliziert klimatisierten Räumen in Massen vor immer den gleichen Bildern drängen? Warum nicht einfach für alle Menschen, an „normalen“ Orten, mitten im Alltäglichen eingebettet?
Trotz solch ernster Fragen, findet man eine große Leichtigkeit und schönsten Sprachwitz, so dass es ein einziges Vergnügen ist dieses 150 Seiten-Büchlein zu lesen.

Der 1963 geborene Joost Zwagerman, der in den Niederlanden durch Romane, Lyrik und Essays sehr bekannt war, entschied sich 2015 für den Freitod. Gregor Seferens hat die Novelle ins Deutsche übersetzt. von ihm gibt es auch ein aufschlussreiches Nachwort.
„Duell“ ist im Weidle Verlag erschienen, auf feines Papier gedruckt und fadengeheftet.
Gestaltung und Satz oblagen dem famosen Buchgestalter Friedrich Forssman.

Eine weitere Besprechung dieses Titels findet man bei lustauflesen

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6 Gedanken zu “Joost Zwagerman: Duell Weidle Verlag

  1. Ich habs endlich gelesen. Man lernt viel über den Kunstbetrieb und ich habe “ Marc Rothko “ begriffen, ja quasi gefühlt. Das Ende ist auch klasse 😉 Danke nochmals für deine Besprechung.

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  2. jetzt hab ich die Novelle gelesen und bin wirklich begeistert. Wer noch nicht Rothko-Fan ist, kann es jetzt werden. aber auch der jungen Wilden Duiker wünsche ich direkt ein Leben im Hier und Jetzt. Hier wird zudem der Kunstmarkt erweitert um die Perspektive des Museumsdirektors und des Restaurators. Der Beltracci-Skandal bekommt hier eine kunsttheoretische Bass-Line. Parallel zur Verwicklung um die Jagd nach dem Original habe ich natürlich Lust Herrn Verhooff und Frau Duiker in (m)eine Literarische Mediation zu schicken, um zu sehen, was sie verhandeln würden.

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