Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag

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Ein schmales Bändchen aus dem Steidl Verlag hat mich gerade enorm überrascht. Für eine Leserin wie mich, die sich gerne von Sprachzauberei und eigenwilligen Geschichten faszinieren lässt, kam Véronique Bizots „Menschenseele“ gerade recht. Ich bin hingerissen von dem, was Bizot mit ihrem kurzen Stoff, der eigentlich gar keiner ist, macht: Sie lässt ihn nämlich leuchten! Die Geschichte, die vermeintlich so langsam dahinfließt, entpuppt sich als „etwas“ mit enormer Kraft. Gegen Ende hin kommt Bewegung, aus Fluss wird Überschwemmung, so dass mir der Kopf schön schwirrte und ich zeilenweise nach las, ob ich auch richtig verstanden hätte. Ums Verstehen geht es allerdings vielleicht gar nicht vorrangig, sondern ums Verwirrenlassen, um schöpferisches Lesen womöglich …

Will man den Inhalt darlegen, genügt vielleicht ein einziger, wenngleich langer, Schachtelsatz, wie sie auch Bizot in ihrem Roman verwendet. Ich versuche es mal:
Vier Männer verschiedenen Alters, der erfolgreiche Theaterautor Fouks und der geheimnisvolle Montoya, ein Übersetzer und sein scheinbar stummer Bruder – sie könnten nicht unterschiedlicher sein –, treffen sich allein um der Gesellschaft Willen, allein um der Einsamkeit ihrer abgeschiedenen Wohngegend in den französischen Alpen zu entgehen und zelebrieren sie dann doch in stillem Einverständnis gemeinsam, bis etwas ganz anderes passiert.

Bizot arbeitet jede ihrer skurrilen Figuren aus, sie beschreibt sie nicht, sondern verinnerlicht sie uns. Am meisten hat es mir der gerade `mündig` gewordene, nicht sprechende, aber umso mehr denkende Ich-Erzähler angetan. Er, der durch ein traumatisierendes Ereignis vor vielen Jahren seine Stimme verloren hat, nimmt seine Umgebung viel deutlicher war als alle Redenden. Er denkt darüber nach, was er gesehen hat und fügt dem ein gerüttelt Mass Fantasie hinzu. Da er Stunde um Stunde in der Bibliothek des Theaterschriftstellers verbringen darf, hütet er einen enormen Bestand an Romanhandlungen im Kopf, aus denen er zu passender Zeit Sätze zitiert, alles nur in Gedanken, versteht sich. Dass wir viel Zeit quasi in seinem Kopf verbringen dürfen, ist eine der kleinen Kostbarkeiten, die das Buch bereithält.

„In letzter Zeit hatte ich begonnen, die Zeitung zu lesen, die eine ganz andere Art Auskünfte lieferte als jene, die ich in Büchern fand. Dabei gewann ich den Eindruck, dass die Menschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu jeder Zeit eine unermesslich große Anzahl aberwitziger Initiativen ergriffen, die sie geradewegs ins Desaster führten, und das schien schon eine ganze Weile so zu gehen.“

„Menschenseele“ ist ein verrücktes Stück Literatur, eins, dass einem durch den Kopf schleicht und heimlich allerhand aufwirbelt. Hauptthemen, will man sie wirklich benennen, sind die Einsamkeit und der Verlust, aber auch das Glück der Einfachheit. Bizot paart Melancholie mit sehr feinem Humor und lässt mich in ihrer wortschatzreichen Sprache schwelgen.
Wenn unser Erzähler, als er sich auf einer Reise nach Turin mit den anderen das Treppenhaus ansieht, in dem (vermutlich mit der Absicht der Selbsttötung) Franco Luccentini in den Tod stürzte, sich in Gedanken ausführlich über Hintergründe und Möglichkeiten der Art einen Selbstmord zu begehen, befasst, dann mag das zwar vielleicht ein trauriges Thema sein, zeigt aber gleichzeitig Bizots große Erzählkunst.

„Wie es auch gewesen sein mag, da war also ein Mann, dachte ich, der sich, obwohl ihm drei Schritte von seiner Wohnung entfernt ein großer Fluss zur Verfügung steht oder ein geräumiger Hof, in die Enge seines Treppenhauses wirft, ein Mann, der am Morgen aus seiner Wohnung tritt, in ein paar Schritten den Treppenabsatz überquert und weiterläuft, die Existenz des Flusses oder des weiten Hofes ignoriert, sich in die erstbeste Leere fallen lässt, diese Leere nimmt, wie er ebenso gut die Treppe hätte nehmen können, um bis zum Fluss zu laufen oder sich mit der Zeitung vor ein Café zu setzen, wobei alle Dinge in ihrer Gleichgültigkeit verschmelzen, die Leere so gut wie die Treppe, der Hof so gut wie der Fluss, der Sturz so gut wie eine Caféterrasse, etwas so gut wie nichts.“

Man beachte: Obiges Zitat besteht aus nur einem Satz.

Die Reise unserer vier Helden nach Turin bringt schließlich für jeden, wenngleich sehr rasch und unerwartet einen Wendepunkt im Leben. Mehr will ich nicht verraten …
So könnte man jedenfalls den nur 142 Seiten langen Roman wohl auch als Novelle bezeichnen.

„Menschenseele“ von Véronique Bizot erschien im Steidl Verlag in typischer Ausstattung, schön gesetzt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz. Weitere Romane der in Paris lebenden Autorin erschienen ebenfalls im Steidl Verlag.

Eine schöne Rezension, die Anlass war für meine Lektüre findet sich auf fixpoetry.com

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3 Gedanken zu “Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag

  1. Liebe Marina,
    eine sehr schöne Rezension! Mir war der Steidl Verlag bisher ja hauptsächlich als ein Verlag, der vor allem hochwertige Bildbände verlegt, ein Begriff. Aber anscheinend kann Steidl auch Belletristik. Hast du denn noch mehr Romane aus dem Steidl Verlag gelesen?

    Liebe Grüße
    Juliane

    Gefällt 1 Person

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