Nachtbus nach Mitte Berliner Gedichte von heute Verlag für Berlin-Brandenburg

Cover Nachtbus nach Mitte_U1_75

„Fragt doch die Dichter. Wie klingt diese Stadt, deren Wirklichkeit ihrem Ruf weit vorauseilt oder langsam hinterher trödelt oder eigentlich ganz woanders vor sich hin blüht, wie klingt sie jetzt, da die Verse von Tucho und Erich, Heiner und Eva in Lesebüchern stehen müssen, damit sie nicht verloren gehen? Gibt es einen Klang des heutigen Berlin, der mehr ist als die Summe unvergleichlicher Unikate?“

So fragten sich die Herausgeber dieser Lyrik-Anthologie Martin Jankowski und Birgit Hoyer und fanden schließlich reichlich Stoff für diese umfangreiche Sammlung von Hauptstadtgedichten.

Ausgesprochen vielfältig und mit einer großen Anzahl an namhaften aktuellen Lyrikern, so wie einigen „Klassikern“ zeigt sich dieser neue Band. Alle haben die Stadt „beschrieben“, verdichtet. Nicht alle leben hier, manche sind hier geboren, manche haben länger oder kürzer hier gelebt, manche nur einen kurzen Blick auf die Hauptstadt geworfen. Viele der Gedichte sind Erstveröffentlichungen.

Von brav bis frech, von klassisch bis Subkultur, von jung bis alt, von West bis Ost ist alles dabei. Von Jan Wagner bis Monika Rinck, von Björn Kuhligk bis Günter Kunert, von Bert Papenfuß bis Marion Poschmann, von Thomas Brasch bis Lutz Seiler, von Ilma Rakusa bis Ulrike Draesner, um nur einige zu nennen.

In sechs Kapitel ist das Buch unterteilt, wobei sich mir die Unterteilung thematisch nicht ganz erschließt.
Im ersten Kapitel freue ich mich vor allem über Ulf Stolterfohts typische Stimme in seinem Gedicht „erst mal die fakten“:

„erst mal die fakten: bis zum finalen zerbröseln verlief die mauer
ziemlich genau parallel zur östlichen länge von greenwich. sie
teilte und fungierte somit als scheide links / rechts. ausnahme:
staaken. das sollte man schon wissen. zwischen klipp und
klapp lag der rauschende bach. die schere im kopf. die mauer …“

Im zweiten Kapitel fällt mir Mirco Bonnés „Mitte“ ins Auge:

„[ …] Und der Sinn des Ganzen? Keiner.
Du stehst an einem dunklen Fenster,
rauchst in die Nacht, Gelächter kommt
aus einem Hof, und letzte Maschinen
landen in Tegel. Zwei Straßen weiter
wohnte Dora Diamant. Zeit vergeht,
die Pergola blüht. Wieder Sommer.“

Im dritten Kapitel dann Martin Piekars „Hauptbahnhof Berlin“:

„So oft, wie hier schon Wind ging – miteinander
// gegeneinander könnte man
ein Lexikon der Stürme schreiben –.
Eine Voliere außerhalb
des Bahnhofs. Hier:
Matrjoschka-Dimensionen von
Überfüllungen: spiele: Zug – Bahnhof – Stadt.
Die Narreteien Vorbeifahrender und
von meinen Haaren;
sie kommunizieren miteinander
// gegeneinander. Ich fühle
mich
umgangssprachlich …“

Tom Bresemann mit „punktlandung im sinusmilieu“ trifft schließlich das „hippe“ Berlin genau auf den Punkt:

„kreative schauprozesse, dergleichen,
was man halt macht

im nebenleben, wenn schon was mit medien
dann in kreuzberg, wenn schon

geld in die hand genommen,
dann auch handshake.

hinab mit dem establishment!
die matinee frisst ihre mieter

zum mittagstisch, die krumen
im brechts,

hi there, hausverwaltung,
would you sign my petition? …“

Es finden sich Stadtteilgedichte, Randgedichte, politische Gedichte, Naturgedichte, Begegnungsgedichte und erstaunlich viele U-Bahn-Gedichte. Jegliche Form oder Nichtform ist dabei. Die Stadt erscheint in all ihren Facetten, bunt, windig, dreckig, schnell, gelassen, grün, geschichtsträchtig, jung …

Die beiden Herausgeber haben eine gute Auswahl getroffen, wenngleich ich mir lieber noch eine größere Anzahl unterschiedlicher Autoren gewünscht hätte und nicht unbedingt mehrere Gedichte von einzelnen Autoren.
Mit diesem Band, der kürzlich im Verlag für Berlin-Brandenburg erschien, kann man sich auf über 180 Seiten ziemlich gut selbst ein Bild über die Vielfalt der Poesie Berlins machen.
Mehr über das Buch findet sich hier

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3 Gedanken zu “Nachtbus nach Mitte Berliner Gedichte von heute Verlag für Berlin-Brandenburg

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