Han Kang: Die Vegetarierin Aufbau Verlag

Vollkommen zurecht hat Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Price 2016 erhalten. Es ist eine tiefgründige, ja abgründige Geschichte, die fasziniert aufgrund ihrer Vielschichtigkeit; eine Geschichte, die so harmlos beginnt, gerade auch sprachlich, sich immer mehr verzweigt, bis ins Mark dringt und den Leser schließlich gänzlich absorbiert. Einer jener Romane, nach deren Lektüre man sich fragt, wie man jemals wieder einen neuen beginnen kann.

Der Roman ist in drei Kapitel unterteilt, in denen jeweils eine Person mit Blick auf die eigentliche Protagonistin Yong-Hye erzählt.
Zunächst wird aus der Sicht des Ehemanns geschildert, wie Yong-Hye sich eines Tages plötzlich entscheidet kein Fleisch mehr zu essen. Als Grund gibt sie an, sie hätte einen Traum gehabt. Die Ehe der beiden, die ohnehin nur eine Zweckehe ist, wird immer brüchiger. Yong-Hye wird schließlich bei einem Besuch der Eltern von ihrem Vater gezwungen Fleisch zu essen, worauf hin sie ein Messer ergreift und sich vor aller Augen die Pulsadern aufschneidet. Darauf hin schickt man sie für einige Zeit in eine psychiatrische Klinik. Der Ehemann trennt sich von ihr, da eine Ehe mit solch einer „Verrückten“ seiner angepassten Art zu leben und seiner Karriere nicht förderlich ist.

„War sie etwa doch nicht die durchschnittlichste Frau der Welt, die zu finden ich mir so viel Mühe gegeben hatte?“

Im zweiten Kapitel erzählt Yong-Hyes Schwager, ein Künstler, der überwiegend von dem Geld seiner Frau lebt. Yong-Hye hat inzwischen eine eigene kleine Wohnung und scheint mit sich ins Reine zu kommen. Ihr Schwager jedoch ist mehr und mehr fasziniert von ihr. Für ihn wird sie Objekt erotischer Fantasien. Er bittet sie Modell zu werden für sein Videokunst-Projekt, ein Projekt, von dem er leidenschaftlich besessen ist. Um dieses Kunstwerk zu vollenden, kommt es zu einer realen sexuellen Begegnung zwischen beiden, die jedoch ein neuerliches familiäres Desaster auslöst. Yong-Hye landet daraufhin wieder in der Psychiatrie.

Die letzte Episode wird aus der Sicht von Yong-Hyes Schwester In-Hye erzählt. Sie ist die einzige aus der Familie, die sich noch um Yong-Hye kümmert, die nun mit der Diagnose Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist. Immer wieder hinterfragt sie die Ereignisse, die dazu geführt hatten, überlegt, was sie selbst hätte tun können, um all das zu verhindern.

„Sie denkt oft darüber nach, welche Faktoren eine Rolle in Yong-Hyes Leben und Schicksal gespielt hatten. Wie bei den komplizierten Zügen eines Go-Spiels ist es sehr
schwer, um nicht zu sagen unmöglich, aus dem Leben ihrer Schwester einen Sinn herauszulesen. Aber sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“

Yong-Hye hingegen wirkt, als sei sie mit ihrer Situation vollkommen einverstanden. Nachdem sie eines Tages aus der Klinik verschwunden war und man sie nach 2 Tagen im Wald fand, stellte sie die Nahrungsaufnahme ganz ein, um statt Mensch aus Fleisch und Blut, eine Pflanze zu werden.

„Ihre Schwester kam mit ihrem fleischlosen Gesicht näher an sie heran. „Ich bin kein Tier mehr, große Schwester“, flüsterte sie, als sei dies ein wichtiges Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Blick verstohlen durch das Zimmer gleiten, obwohl außer ihnen niemand da war. „Ich brauche keine Nahrung. Ich kann ohne leben. Ich brauche nur Sonne.““

Aus den Traumsequenzen Yong-Hyes, die im Anfangskapitel kursiv gedruckt eingefügt sind und die von Gewalt und Blut beherrscht sind, lässt sich schließlich die ganze Dimension eines Kindheitstraumas entschlüsseln. Lange zurück Gedrängtes, die Gewalttätigkeit des Vaters, ein Hundebiss und dessen blutige Folgen, kommt durch ihre Träume zutage und löst Yong-Hyes Entschluss kein Fleisch mehr zu essen und nichts Tierisches anzurühren aus. Es ist offenbar für sie die einzige Möglichkeit Widerstand gegen überhand nehmende Fremdbestimmung zu leisten.
Zumindest wäre dies (m)eine Interpretation. Han Kang schreibt jedoch so, dass man sich nicht sicher sein kann, der Leser muss mit vielen Ungewissheiten in dieser Geschichte zurechtkommen … und das macht einen guten Teil der Größe dieses Romans aus.

Wichtig erscheint mir zum Verständnis des Romans, dass die Handlung in Korea spielt, einem Land, in dem Traditionen und Konventionen noch stark verankert sind. Nur so lässt sich beispielsweise das Entsetzen der Familie erklären, dass Yong-Hye Vegetarierin (streng genommen Veganerin) wird und daraus resultierend ihre gesellschaftlich vorgeschriebene Rolle nicht mehr ausfüllt.

Die südkoreanische Autorin Han Kang schrieb ihren Roman bereits im Jahr 2007. Die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee erschien soeben im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

 

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6 Gedanken zu “Han Kang: Die Vegetarierin Aufbau Verlag

  1. Danke für diese tolle Rezension. Klar, fundiert und für mich wegweisend (zum Buchhändler meines Vertrauens) … habe lange hin und her überlegt, aber ich muss es selbst lesen, keine Frage. Denn ich denke, es handelt sich genau um das, was Du hier so gut beschreibst: die Vielschichtigkeit, die man sich erlesen muss … und ich muss wissen, wie ich das lese 😉 LG, Bri

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