Dagmar Leupold: Die Witwen Jung und Jung Verlag

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Vier Frauen um die fünfzig leben in einem kleinen lauschigen Moselort so vor sich hin: Die Witwen, Penny, Beatrice, Dodo und Laura, die eigentlich keine Witwen sind, sich aber oft so fühlen. Sie kennen sich lange schon, noch aus Zeiten, als alle vier in Berlin lebten. Dann hat es eine nach der anderen in diesen Provinzort verschlagen.

„Aber es schwang etwas bei ihnen mit, das ihm zu benennen schwerfiel, außer mit: verwitwet. Als hinge allen eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebtem an. Aus seiner Sicht war auch er Witwer. Und Waise. Witwenschaft als Abwesenheit von Zukunft, Witwenschaft als Zustand der Abhandenheit.“

Eines Tages beschließen sie, dass es so nicht weitergehen kann. Sie wollen etwas Neues, vielleicht eine Reise, etwas um die Sehnsucht zu erfüllen, ein Abenteuer. Und so heuern sie einen Chauffeur an, der sie sicher an jenen Ort bringen soll, den sie noch gar nicht kennen. Eine Fahrt ins Blaue beginnt.

Bendix, der Chauffeur passt trefflich zu den Witwen. auch er ist des täglichen Einerleis überdrüssig. Sie beschließen dem Lauf der Mosel bis zur Quelle zu folgen (schöne Metapher!). Bendix, der Fahrer führt in seinem Sudelbuch eine Art Brief-Tagebuch und sinniert dabei über die vier Frauen, teilt sie beispielsweise nach Betrachtung ihrer Füße einer jeweiligen Kunstepoche zu.
Nichts spektakuläres passiert, bis schließlich das Auto, namentlich ein Fiat Ulysse (auch eine schöne Metapher!) seinen Geist aufgibt. Beim Warten auf den Pannendienst beginnen sie schließlich nacheinander zu erzählen, von sehr persönlichen Erlebnissen, die sie stark prägten und die sie bisher selbst vor den Freundinnen verschwiegen.
Tags darauf ist der Wagen repariert und auch die Witwen sind bereit für die nächste (Lebens-)Etappe. „Ans Meer!“ hört Bendix sie einstimmig rufen …

Die Autorin teilt ihren Roman in zwei größere Abschnitte, die sie Abwesenheit und Anwesenheit nennt. Und in der Tat scheinen mit dem Erzählen des lange Verschwiegenen und Unterdrückten, mit dem der zweite Teil beginnt, alle wesentlich präsenter zu werden.

„Etwas bewunderte er an den Erzählungen der Frauen: möglicherweise die Liebe zum Detail, die Fähigkeit, einer Einzelheit etwas zu entlocken, die über diese hinausging,
das für etwas stand, das ungenannt blieb. Oder unbegriffen – sofern Begreifen mit Begriffen begann und endete.“

So in etwa könnte man auch das beschreiben, was mich beim Lesen dieses Romans von Dagmar Leupold faszinierte und geradezu hungrig immer weiter lesen ließ. Oder solche Zeilen wie die folgenden, die die Autorin Penny (Penelope!), die am Nähesten am Witwendasein dran ist, da ihr Mann vor vielen Jahren verschwand, in den Mund legt. Spannend: Fällt mir doch beim Lesen sofort die Übereinstimmung zu Peter Stamms Roman „Weit über das Land“ auf, in dem ja auch der Ehemann einfach verschwindet, so wie Pennys Otto (Odysseus!). Und auch Penny hat sich einerseits damit abgefunden, andererseits wartet sie auf dessen Rückkehr mit dem sicheren Gefühl, dass sie sowieso irgendwie durch Raum und Zeit verbunden sind.

»Habt ihr schon einmal der Spülmaschine bei ihrem Gesang zugehört? Manchmal sitze ich abends in der Küche, habe sie gerade eingeräumt und angestellt. Ein Kammerorchester. Anfangs Einstimmen, schräg, darauf ein feenhaftes Klingen, wie von Triangeln, leise Reibung von Glas an Glas, luftige Harfen setzen ein. Das Klirren der Teller, im Bass summen und poltern die Töpfe, erst kollert das Wasser, dann zischt es, brandet, übernimmt schließlich den Continuopart mit einem steten Brummen. [ … ]“

Hat man jemals so etwas Banales so schön beschrieben gelesen? Gut, dass ich Leupolds Roman aufgrund der Nominierung für den Buchpreis wahrgenommen habe. Sie ist eine virtuose Erzählerin, eine, die mit ihrer Sprache ein inneres Jubeln in mir erzeugte. Ich würde am Liebsten die ganze Besprechung hier mit Zitaten füllen. Ich empfehle die Lektüre unbedingt, ganz unabhängig von irgendwelchen Besten- oder Preislisten. Ein Leuchten!

Dagmar Leupolds Roman „Die Witwen“ mit diesem wunderbaren Coverbild ist im Jung und Jung Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier

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11 Gedanken zu “Dagmar Leupold: Die Witwen Jung und Jung Verlag

  1. Mir hat es auch sehr gefallen, lange wusste ich nicht so richtig, warum. Eigentlich kann ich es immer noch nicht genau sagen… Es passiert nicht viel, aber wie nichts passiert, ist schon toll gemacht. Ein positives Buch, fand ich, das Spaß gemacht hat und trotzdem Tiefgang hat.

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  2. Eine sehr schöne, ein wenig altmodisch wirkende, elitäre Sprache und das Banale würde ich die Modernität des Alltags nennen.
    Bin gespannt, ob es auf die Shortlist kommt, die Monique Schwitters hat es im letzten Jahr mit einem ähnlichen Stil geschafft.
    Was mir nicht gefallen hat, ist das Titelbild, ich weiß, da sind wir anderer Meinung, aber ich würde es kitschig nennen, obwohl ich heute im Kunsthistorischen Museum in den Tizian und anderen Räumen spazierengegangen bin
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/05/die-witwen/

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  3. Ein von einer heiteren Melancholie getragener (Abenteuer) Roman der mich ebenfalls sehr angesprochen hat. Ein „inneres Jubeln“ erzeugte er in mir nicht, jedoch manchmal ein vergnügliches sinnieren, sich erinnern, durchdenken, zum Beispiel beim „Gesang der Spülmaschine“ oder auch dem folgenden Zitat.

    „Die fünf ließen die Türen sperrangelweit offen, warfen ihr Gepäck auf die Betten, rissen die Fenster auf, in der vergeblichen Hoffnung, den Mief aus Raumdeodorant, Milbenkot, altem Staub und Teppichbodenkleber zu vertreiben. So riechen Hotels nun einmal: Alle, die hier einkehrten, waren zu flüchtig in den Zimmern behaust, um eine Geruchsspur zu hinterlassen, die auf den jeweiligen Verursacher hätte verweisen können; so blieb nur ein globales Duftgemisch nach Vermietung übrig.“

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  4. Haben oder werden Sie eigentlich Sibylle Lewitscharoffs „Pfingstwunder“ lesen?
    Denn da würde mich sehr interessieren, was Sie dazu sagen?
    Ich bin jetzt auf Seite zweihundert und erstaunt, denn bisher war ich nicht so ein Lewitscharoff Fan, habe vieles nicht verstanden, mich zuerst auch an den berühmten Äußerungen gestört, aber jetzt ist das der bis jetzt beste Roman der Liste, den ich von den bisher zehneinhalb gelesen habe und bei Dagmar Leutpold dokumentiere ich das, weil es für mich irgendwie die Fortsetzung ist, der Ton, der Stil ist gleich, aber die Lewitscharoff macht sich sicher auch über das Ganze lustig, geht damit in die Gegenwart zurück und fragt ganz regal, ob man nicht vielleicht verrückt ist, wenn sich vierunddreißig Dante Forscher angesichts der Flüchtlingskrise, in Rom in einen Barocksaal zurückziehen und über die „Göttliche Kommödie“ diskutieren und das war das geforderte Neue für mich und das, was mich berührte, nachdem ich vor kurzem ja einen anderen „Büchner-Preisträger“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/19/rauschzeit/ gelesen habe, der auf fünfhundert Seiten „daherschwafelte“, daß jemand auf einen Kongreß seine Jugendliebe widertrifft und seine Frau inzwischen in die Oper geht.
    Schade, schade, daß das Buch nicht auf die Shortlist https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/20/die-sechs-deutschen-shortlistbuecher/ gekommen ist und, daß die Blogger es wahrscheinlich wegen dieser Äußerungen verreißen und sich davon distanzieren, für mich war es die Überraschung, denn bis Buch zehn war ich bis auf den Melle https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/13/die-welt-im-ruecken/ eigentlich nicht wirklich sehr berührt von den neuerschienen „besten“ Büchern der deutschen Gegenwartsliteratur.

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