Andreas Maier: Der Kreis Suhrkamp Verlag

dscn1417

Der neue Band von Andreas Maiers Wetterau-Chronik ist da und ich stürze mich hinein in die (leider nur) 146 Seiten und binnen Stunden ist „Der Kreis“ ausgelesen. Und nun? Wieder ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr warten auf den nächsten Band …

Wer diesen Autor noch immer nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen, denn Maier schafft das, wofür Knausgard 800 Seiten braucht, in gelungener Verdichtung in 150 Seiten. Wobei der Vergleich hinkt … Maier geht viel klüger mit Sprache um, seine Romane erinnern im Stil an Kurzeck, Bernhard und Proust.

Im Band „Der Kreis“, es ist der 5. Band der auf zwölf angelegten Chronik „Ortsumgehung“, schildert Maier in 4 Kapiteln von Grundschule bis Oberstufe seine Initiation zum Schriftsteller. Er ist acht Jahre alt, als er das Bücher- und Studierzimmer seiner Mutter für sich entdeckt und beginnt sich mit den fremd anmutenden Werken zu beschäftigen. Allen voran steht das mehrbändige „Lingen-Lexikon“, aus dem er immer mehr Wissen schöpft. (Wir sind also in einer Zeit, in der es noch kein „Google“ gab, Maier ist Jahrgang 1967). Seine Mutter schreibt in diesem Zimmer an einem geheimnisvollen Buch in dem lauter Wörter mit „ismus“ und „logie“ vorkommen und führt „geistige“ Gespräche oder briefliche Korrepondenzen mit diversen Schriftstellern.

Zu Hause dagegen, bei uns in der Küche im Mühlweg, fielen die „logie“ und „ismus“-Wörter manchmal beim Essen. Mein Vater machte dann ein Gesicht, wie man es im Städel auf einem Gemälde von Rembrandt sieht, das König Saul zeigt, wie er David beim Harfespielen zuhört. Der Blick kehrt sich horchend nach innen.“

Bereits hier, allein in diesem Bücherraum spürt er die Stille, dieses besondere geheimnisvolle, dieses, wie er es nennt „durchweht werden“ von einer unbenennbaren Kraft. Ähnliches erlebt er Jahre später durch das Lauschen von Klavierspiel und richtig deutlich überraschenderweise auch bei seinem ersten Rockkonzert einer Heavy-Metal-Band und noch später und vielleicht am deutlichsten bei einer Theateraufführung der Oberstufe.

„Mir wurde immer schmerzhafter bewußt, daß ich dieses Konzert niemals in der rechten Weise würde genießen oder wertschätzen können, weil ich die Vergangenheit dieser Band, die mythischen Urjahre nicht – wie alle anderen – miterlebt hatte. Ich war ein Zuspätgekommener, ich hatte das Wesentliche versäumt.“

Großartig beschreibt Maier diese Entwicklung, dieses Erwachen, diese Klarheit, dass er selbst sich dorthin, in dieses Metier hinein begeben kann und will, dass ihm früher nur für andere, „Größere“ vorgesehen schien.

„Bis zu diesem Augenblick hatte ich nie eine wirkliche Vorstellung davon gehabt, daß es tatsächlich Menschen wie wir waren, die Bücher schrieben, Menschen aus Fleisch und Blut, Raum und Zeit und Gegenwart.“

Der Roman „Der Kreis“ erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle bisherigen Bücher von Andreas Maier. Eine Lesprobe gibt es hier. Meine Besprechung zum vorigen Band „Der Ort“ gibt es hier

Advertisements

Ein Gedanke zu “Andreas Maier: Der Kreis Suhrkamp Verlag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s