Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht Suhrkamp Verlag

2016-09-23-14-57-14-2

Das neue Buch des 1962 geborenen Niederländers Gerbrand Bakker ist kein Roman. Es ist eher ein autobiografisches Tagebuch. Man könnte es vielleicht in einem Zuge nennen mit den Journalromanen von Jürgen Becker und Andreas Maiers Chronik-Bänden oder auch mit den biografischen Texten von Knausgard oder Espedal.
Die Geschichte zieht sich über die Spanne eines Jahres hinweg, wobei es aber stetig zu Rückblicken in Kindheit und Jugend kommt. Bakker bindet alte Briefe mit ein oder Artikel, die er für eine Amsterdamer Zeitung schreibt, zitiert aus seinem Blog und zeigt sogar einige Schwarz-Weiß-Fotos aus der Kindheit.

„Wenn ich noch einmal einen Roman schreibe, tue ich es für mich selbst, steht weiter oben, als hätte ich meine bisherigen Bücher für >den Leser< geschrieben. Das ist Unsinn, ich habe es immer für mich selbst getan. Es waren Versuche, die Welt um mich herum zu begreifen, herauszufinden, welchen Platz ich darin einnehme.“

Der Autor erzählt von seinem Leben in dem neu erworbenen Haus in der Eifel mit den diversen Arbeiten, die in Haus und Garten anfallen und den Strukturen, die sich dabei einstellen (Bakker ist auch Gärtner von Beruf). Bald stellt man sich bildlich das Anwesen vor, lernt alle Nachbarn und Freunde und deren Hunde kennen, erfährt manches über die Beziehungen zu Eltern und Brüdern. In seiner Wohnung in Amsterdam hält Bakker sich immer weniger auf. Er berichtet von Lesereisen mit Flugangst, von Reaktionen auf Kritiken seiner Bücher oder erhaltene Preise, vom Umgang mit ungeliebten Kollegen. Er kramt in seinen Erinnerungen, versucht mithilfe alter Briefe und in Gesprächen mit Freunden Geschehnisse zu rekonstruieren und bemerkt, wie merkwürdig lückenhaft doch das eigene Gedächtnis ist und wie stark Erzählungen anderer davon abweichen.
Ankerpunkte sind etwa die Pubertät mit schlimmen Hautproblemen und ersten sexuellen Erlebnisssen. Über das Theaterspiel und das geliebte Eisschnelllaufen wird berichtet und über die düstere Zeit während des Studiums, die sich viel später erst erklären lässt, als der Autor vom Arzt die Diagnose Depression erhält. Auch über seine Krankheit schreibt Bakker und weiß doch, wie schwierig sich diese erklären lässt, wie groß die Getrenntheit und Einsamkeit sein kann, die sie mitunter auslöst.

„Es dauert seine Zeit. Aber es ist zu bewältigen. Unterwegs habe ich allerdings eine Reihe Freunde verloren. Das gehört offenbar dazu, das muss man in Kauf nehmen. Man har nun einmal keinen gebrochenen Arm, dessen Anblick bewirkt, dass andere sich um einen kümmern, Mitleid empfinden, fragen, ob man Schmerzen hat, […].
Man hat etwas in seinem Inneren, das niemand sehen kann, andere können einem nur glauben, dass es wirklich da ist.“

Durchbrochen werden alle Episoden immer wieder von Bakkers Erlebnissen mit seinem Hund Jasper. Man könnte sagen, dass Jasper, der auf einer griechischen Insel als Straßenhund lebte und seine ganz eigenen Macken hat, die Hauptfigur des Buches ist. Das Buch endet dann schließlich auch mit einem Epilog, der ganz dem Hund Jasper gewidmet ist.

Ich mag das Buch sehr und staune über Bakkers offene Art zu schreiben; und als nächstes wünsche ich mir wieder einen Roman, am liebsten in der Art wie „Oben ist es still“ und „Der Umweg“ – beides ganz starke Bücher.
Alle Bücher Gerbrand Bakkers erscheinen im Suhrkamp Verlag. „Jasper und sein Knecht“ wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke. Eine Leseprobe gibt es hier.

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13 Gedanken zu “Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht Suhrkamp Verlag

    • Liebe Birgit,
      ich vermute, dass die Niederländer generell eher eine solch offene Art haben, soweit ich das beurteilen kann. Und hier in diesem Buch geht Bakker, für meine Begriffe, auch mit Privatem sehr offen um. Es ist diesmal ja kein Roman, sondern eine autobiografische Erzählung. Sowas finde ich immer sehr mutig …

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  1. Liebe Marina,
    natürlich liegt das Buch schon hier und wartet. Und ich warte nun nach Deiner Besprechung auch noch viel sehnlicher darauf, es endlich zu lesen. Irgendwo habe ich schon eine ganz anders gefärbte Besprechung gelesen mit dem Hinweis auf Abbruch der Lektüre. Das hört sich ja bei dir, zum Glück!, ganz anders an. Und lesen muss ich das Buch ja auch alleine schon, weil Hunde vorkommen – obwohl es – glaube ich – ziemlich traurig wird, oder? Ach, wenn ich nur endlich mit den anderen Lektüren schneller voran käme…
    Viele Grüße, Claudia

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    • Liebe Claudia,
      man sollte eben keinen konstruierten Roman mit Plot erwarten, das ist es nicht. Aber Bakker schreibt, finde ich, sehr kurzweilig und für Hundeliebhaber ist es eigentlich ein Muß. Mehr verrate ich gar nicht. Mal sehen, wie du es empfindest.
      Und ich habe auch viele schöne Romane hier liegen und weiß oft nicht, was als nächstes, dann lese ich einfach ein paar Zeilen und entscheide nach Gefühl.
      Was liest du denn gerade?
      Viele Grüße!

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      • Ich bin noch bei der Thomas-Melle-Lektüre. Im Moment schaffe ich nur ein paar Seiten am Tag, aber das ist für dieses Buch ja auch genau die richtige Dosierung. Und dann muss ich noch jede Menge Buchpreis-Besprechungen nacharbeiten (hm). Mal schauen, was mir dann als erstes vor die Lesebrille gerät. Vielleicht Bakker, ein bisschen habe ich aber auch schon in Matthias Brandts Roman hineingelesen, Axel Hacke liegt schon hier (die rauchenden Tiere auf dem Cover haben es mir ja sehr angetan, denn, wahrscheinlich geht es bei uns auch so zu, dass sich Kater und Hunde, wenn wir weg sind, mal eine anstecken). Wie du schon schreibst: das entscheide ich dann je nach Gefühl!
        Viele Grüße, Claudia

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  2. Thomas Melle bekommt sicher den Buchpreis …
    Raumpatrouille lese ich später, wenn es in der Bibliothek mal verfügbar ist.
    Ich habe noch 3 gelesene Bücher hier liegen, über die ich schreiben will. Wahrscheinlich werde ich mich gleich mal dransetzen …
    Ein Schönes Wochenende!

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  3. Ich freue mich auch schon sehr auf dieses Buch, zumal ich „Oben ist es still“ wunderbar fand, ich es sehr gern gelesen habe. Dabei hatte ich dieses Buch und damit Bakker als Autor recht spät für mich entdeckt. Nun bin ich gespannt auf sein aktuelles Buch, vor allem nach Deiner sehr schönen Besprechung. Viele Grüße nach Berlin

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  4. Jetzt sitz‘ ich an meiner Besprechung und es fällt mir schwer. Wenn es nur ein OK-Buch wäre, da könnte ich tricksen. Aber es gefällt mir nicht nur ausgesprochen gut, es bewegt mich persönlich; ich hab’s sehr liebgewonnen. Da ist Objektivität schwierig. Da erscheinen einem Formulierungen schal und unehrlich. Aber ich sitze dran. Und wenn’s fertig ist, lese ich auch Ihre Besprechung, vergleiche und verlinke. Freundlichst, Herr Hund.

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