Ulrike Almut Sandig: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt Schöffling Verlag

2016-09-26-17-11-27

Kürzlich stellte Ulrike Almut Sandig ihren neuen Lyrikband mit dem unglaublich langen Titel in der Berliner Buchhandlung Ocelot vor. Es moderierte der Lyriker Ron Winkler, dessen Lyrikbände ebenfalls sehr empfehlenswert sind und die auch bei Schöffling erscheinen. Sandig brachte Musik mit: Die Band „The Transnational“ spielte zu Beginn zur Einstimmung und am Schluß der Lesung. Wobei Lesung nicht ganz passend scheint, denn die Autorin hat eine ganz eigene Art ihre Gedichte vorzutragen, manche wurden auch vertont in Zusammenarbeit mit einem jener Musiker. Sandig experimentiert gerne mit Stimme und Musik. Einige ihrer „Stücke“ kann man auch auf einer CD hören ( und erwerben).

Ich habe mich lieber ins Buch vertieft, denn auch im stillen Lesen funktioniert diese Lyrik. Bei manchen Gedichten sogar besser. Nicht jedes ihrer Gedichte sei stimmig vertonbar, wie Sandig selbst auch sagte.
Ihre Gedichte seien mit diesem neuen Band deutlich persönlicher, offener und direkter geworden, meinte die Lyrikerin. Und so lesen sie sich auch oft wie eine Suche nach dem Ich, nach der eigenen Identität, ja wie eine Selbstvergewisserung.

„[…]
hört ihr meinen Anfang: ich bin
ein Strom, der in andere mündet
in den wieder andere münden.
ich bin ganz aus Sprache gemacht
ich bin ein irrer Anfangsvokal
Alleinstellungsmerkmal meiner
verlorenen Art, die sprechen muss
um sich selbst zu begreifen. […]“

Inhaltlich reicht das von Kindheitserinnerungen bis zum Erwachsensein.

„[…]
in gleich welche Richtung. Wurzeln schlagen
in gleich welcher Stadt. Baum hinterm Haus

von Vater und Mutter zu sein. keinen Namen
mehr tragen, nicht länger zu sagen >ich bin< „

Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen – es gibt auch zeitkritische Verse in diesem Band, wie die „Ballade von der Abschaffung der Nacht“, in der eindeutig ein Strafgefangenenlager wie etwa Guantanamo „verdichtet“ wird, deren Anfangszeilen eindringlich wiederholt werden.

„unter dem vollkommen wolkenlosen Himmel
eines Staates ziemlich weit hinten
auf dem Zeitstrahl der Geschichte unserer Art
in einem Strafgefangenenlager
wurde die Nacht abgeschafft, einem Nackten
wurden die Augen verbunden […]“

Ein Kapitel ist ausschließlich Gedichten zu Märchen der Gebrüder Grimm gewidmet. Entstanden sind sie, wie Sandig erzählt, als sie, neu in der Stadt, auf einem Berliner Friedhof das Grab der Grimms fand und sich dann länger mit deren Märchen auseinandergesetzt hat.

„vom süßen Brei

unendliche Weiten, wir schreiben das Jahr 2016 AD
wir befinden uns tief in der Zukunft der Märchen,
wir sind die Enkel unserer eigenen Vorstellungskraft
ein jeder betrachtet die kommentierte Version
seines Nächsten, ein jeder trachtet nach süßem
süßerem süßesten Brei.[…]“

Die Autorin schreibt ihre Texte in verschiedensten Formaten, die von 2- und 3-Zeilern bis zum Blocksatz reichen. Manche Gedichte haben keine Titel und scheinen von Seite zu Seite ineinander überzugehen. Sandigs Texte sind vielschichtig, das merkt man beim Lesen sofort. Sie sind zeitgemäß und spiegeln die aktuelle Wirklichkeit in einer etwas anderen, sehr angemessenen Art, die „normale“ Lesegewohnheiten durchbricht.
Ein lyrisches Leuchten!

Ulrike Almut Sandig schreibt außer Lyrik auch Prosa. Ihr Erzählband „Buch gegen das Verschwinden“ ist wie ihre Lyrikbände bei Schöffling erschienen. Ich habe ihn hier bereits besprochen. Eine Leseprobe und mehr über die Autorin gibt es hier

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6 Gedanken zu “Ulrike Almut Sandig: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt Schöffling Verlag

      • Fein … ich werde mir in der Buchhandlung noch ein Bild machen. Irgendwie passt Deine Einführung ja auch zur Literaturnobelpreisvergabe gestern – Literatur, die ihre Grenzen austestet bzw. andere Kulturtechniken integriert: Frau Sandig würde ich auch gerne einmal erleben. Und, wie gefiel Dir der Friedhof – komische Frage eigentlich, aber dann wieder doch nicht – ich fand ihn schon sehr eindrucksvoll. Warst Du in dem Café?

        Gefällt 1 Person

      • Das habe ich gestern auch gedacht: Witzig, dass ich gerade jetzt einen Lyrikband vorstelle, der auch „Songtexte“ beinhaltet.
        Der Friedhof ist schön, aber „meinen“ hier in der Bergmannstr. mag ich lieber, er ist weitläufiger, verwilderter.
        Im Cafe war ich leider nicht.

        Gefällt 1 Person

  1. Ich bin sowieso ziemlich begeistert von Sandigs Sachen, in allen Formen – und dieser Gedichtband hat es mir noch mal ganz besonders angetan. Finde die Gedichte, sozusagen fast wörtlich, unglaublich dicht – und bei erneuter Lektüre gibt es immer noch etwas zu entdecken.
    Ulrike Almut Sandig live Vorträgen zu hören, ist großartig und so empfehlenswert! Zur „Überbrückung“ bis dahin kann man auch gut die Sachen auf YouTube anschauen.

    Gefällt 1 Person

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