Bettina Baltschev: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur Berenberg Verlag

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„Ich hatte geahnt, dass die Geschichte, der ich folgen will, hier greifbar werden würde, die Geschichte eines der wichtigsten deutschen Exilverlage des 20. Jahrhunderts. Denn das ist der Plan: Ich möchte herausfinden, wo die Autoren und Verleger der Querido-Bücher in dieser Stadt gelebt, gearbeitet und gefeiert haben. Ich will verstehen, was diese Stadt ihnen bedeutet hat.“

So beschreibt Bettina Baltschev, Journalistin und Redakteurin, im Vorwort dieses Buches ihr Projekt. Die Autorin, die zeitweise in Amsterdam lebt, erzählt kenntnisreich, informativ und zugleich unterhaltsam über den Querido-Verlag, der es möglich machte, dass die Bücher der deutschsprachigen Exilautoren nicht für immer verloren waren. Die Autorin schlendert durch Amsterdam und sucht die einst von Literaten stark frequentierten Orte auf, wie Künstlercafés, Hotels, Verlagsgebäude oder Konzertsaal. Auch Auszüge aus Briefen oder Zitate der Schriftsteller und alte Fotos hat Baltschev mit eingefügt, was das Buch zu einem stimmigen Ganzen macht.

Fritz Landshoff, Geschäftsführer des Gustav Kiepenheuer Verlags in Berlin und Emanuel Querido, Verleger in Amsterdam arbeiten ab April 1933 zusammen im gemeinsam gegründeten Querido Verlag. Landshoff ist für die Anwerbung der Autoren zuständig und schafft es Autoren wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers, Leonhard Frank, Ernst Toller und Josef Roth, Vicky Baum, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun und viele andere in den Verlag zu holen. Mit Klaus Mann verbindet ihn bald mehr als die gemeinsame Arbeit, es entsteht eine Freundschaft. Landshoff ist auch derjenige, der an die Exilorte der vielfach verstreut lebenden Autoren reist und den Kontakt hält.

In einem Essay schreibt Heinrich Mann (möge er recht behalten!):

„Ich glaube wie je, daß literarische Bemühungen niemals ohne Wirkungen bleiben, wie lange es auch dauern mag, bis die greifbare Welt ihnen zugänglich wird. Künftige Menschen können sich einem gerechten Handeln nur dann gewachsen zeigen, wenn wir verharrt haben in der Sprache der Wahrheit.“

Baltschev erzählt von Zaandvort, dem Ort am Meer, der von Amsterdam schnell zu erreichen ist und den zumindest Klaus Mann und Landshoff oft besuchten. Sie besucht das Café Scheltema, dass beinahe noch aussieht wie damals als es Treffpunkt und Schreibort der Literaten war. Allen voran Josef Roth, zeitweise mit Irmgard Keun als trinkfester Partnerin. Sie begleitet uns zum Waterlooplein, damals der zentrale Platz im jüdischen Viertel. Weiter geht es zur Hollandes Schouwburg, ein Theater, das von den deutschen Besatzern als Sammlungsort für Deportationen vereinnahmt wurde. 1943 wurden von hier auch Emanuel Querido und seine Frau in eines der Lager gebracht, was beide nicht überlebten. Landshoff hatte das Glück, sich zur Zeit der Besatzung auf einer Arbeitsreise in England zu befinden. Er kehrte erst nach dem Krieg und der Befreiung zurück. Doch der Querido Verlag ist danach nicht mehr der gleiche und muss 1950 seine Arbeit einstellen.

Bereits während der Lektüre überfiel mich der Drang, wieder einmal ein Buch von Klaus Mann oder Josef Roth oder Irmgard Keun zur Hand zu nehmen. Baltschevs Buch weckt das Interesse neu, sich mit dieser Episode der deutschen Literatur auseinander zu setzen. Es ist ein wichtiges Buch und ein gelungener Beitrag zum diesjährigen Buchmesse- Schwerpunktthema Niederlande / Flandern.

Das Buch erschien im Berenberg Verlag in feiner Ausstattung in Halbleinen und fadengeheftet. Mehr über das Buch und eine Leseprobe findet man hier.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs von Zeichen & Zeiten und Ruth liest.

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4 Gedanken zu “Bettina Baltschev: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur Berenberg Verlag

    • Das finde ich auch. Das Buch bezieht sich vor allem auf die Situation des Verlages, weniger auf einzelne Autoren und geht nicht tiefer auf die politischen Umstände ein, aber es gibt einen wichtigen Anstoß, sich (wieder) mit dieser Zeit zu beschäftigen.
      Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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