Don DeLillo: Null K Kiepenheuer & Witsch Verlag

dscn1409

„Unsere Gutenachtgeschichte heißt Katastrophe.“

Der neue Roman des bereits 79-jährigen großen amerikanischen Erzählers ließ mich frösteln, es ist eine Geschichte, die einiges Unbehagen auslösen kann. Das liegt am Szenario, an der sterilen unterkühlten Atmosphäre, die der Autor in dieser Geschichte herrschen lässt, die den Leser gleichzeitig auf Abstand hält und unwiderstehlich anzieht. Ein Roman, der über die Maßen viele Fragesätze beinhaltet; die Fragen legt DeLillo seinen Protagonisten in den Mund und somit landen sie auch im Kopf des Lesers, der sich dann unweigerlich selbst damit konfrontiert sieht. Immer geht es dabei um nichts geringeres als Leben und Tod und das Dazwischen, das „Weltsummen“.

Ross Lockhart und sein Sohn Jeffrey sind die Hauptfiguren; erzählt wird aus der Perspektive Jeffreys. Lockhart senior, der in NY als Millionär in einem feinen Stadthaus lebt, ist liiert mit der deutlich jüngeren Artis, die unheilbar krank ist. Artis entschließt sich, in einem Institut namens „Konvergenz“, dass seinen Sitz irgendwo abgeschieden in der russischen Steppe hat und in das Ross einen Teil seines Vermögens investiert, ihren kranken Körper durch Einfrieren konservieren zu lassen. Das Nanotechnologie-Laboratorium bietet Menschen, die es sich leisten können, die Hoffnung, dass es in der Zukunft technische und medizinische Möglichkeiten gibt, sie wieder zu erwecken und, womöglich unendlich, weiterleben zu lassen.

„Sie sprach stockend über das Wesen der Zeit. Was passiert in der kryonischen Kammer mit der Vorstellung vom Kontinuum – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Begreift man noch, was Tage, Jahre, Minuten sind? Oder verringert sich diese Fähigkeit, stirbt sie ab? Wie menschlich ist man ohne sein Zeitgefühl? Menschlicher denn je? Oder wird man fötal, etwas Ungeborenes?“

Ross` Sohn Jeffrey reist an, um sich von Artis zu verabschieden, die seine Stiefmutter ist. Sein Vater hatte Jeffrey und seine Mutter verlassen, als er noch klein war und sich einer anderen Frau zugewandt. Die Beziehung von Vater und Sohn ist nicht einfach. Jeffrey hat einige Verhaltensstörungen und Macken entwickelt, um den Verlust des Vaters zu kompensieren. So begann er in seiner Kindheit zu hinken, um sich abzuheben und gesehen zu werden. Bis ins Erwachsenenalter haben sich gewisse Zwangshandlungen erhalten; er überprüft beispielsweise mehrfach, ob der Herd wirklich aus ist oder die Tür abgeschlossen, wenn er die Wohnung verlässt und erfindet für manche Menschen neue, passendere Namen. Auch der Vater hatte seinerzeit einen anderen, härter klingenden Namen angenommen, mit dem er glaubte, erfolgreicher zu sein.

Zwei Jahre nach Artis` Kryokonservierung entschließt sich Jeffreys Vater, der aus Trauer um den Verlust seiner Frau, nicht mehr leben will, freiwillig Artis zu folgen – mit ihr in eine mögliche Zukunft zu gehen. So begleitet der Sohn erneut den Vater, der ihn nun ein zweites Mal verlassen will, an diesen seltsamen Ort der Zeitlosigkeit.

DeLillo schickt den Leser in die „Konvergenz“, einen Ort, der an Szenen aus Raumschiff Enterprise oder Odyssee im Weltraum erinnert. Ziellos wie die Hauptfigur, fühlt man sich auch als Leser gefangen in einem undurchdringlichen Labyrinth. Thematisch beschäftigt sich der Roman mit ähnlichen Ideen von der Unsterblichkeit des Menschen wie Thea Dorns Roman „Die Unglückseligen“. Sprachlich gehört er allerdings in eine andere, höhere Dimension ..
Bisweilen entfaltet sich darin auch eine Art Spiritualität – kurze Momente menschlicher Verbundenheit – Alleinssein. Der Roman strahlt dennoch vorwiegend eine Atmosphäre der Kälte aus. Das eisige Thema in Sprache zu übertragen ist DeLillo bravourös gelungen.
Ein Leuchten!

„Null K“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag und wurde wie immer meisterhaft übersetzt von Frank Heibert. Eine Leseprobe gibt es hier

Advertisements

4 Gedanken zu “Don DeLillo: Null K Kiepenheuer & Witsch Verlag

    • .. du hast natürlich recht, die fraqe interessiert mich sehr.. nur, dieses buch ist das einzige des jahres, das ich abgebrochen habe. ich habe ca. 70 seiten gelesen und dann für mich entschieden, daß mich der text in keiner weise berührt und anspricht… seltsam, nicht wahr? Der Roman strahlt dennoch vorwiegend eine Atmosphäre der Kälte aus genau dieses gefühl hatte ich die ganze zeit, ach, diese kälte, diese entsetzliche kälte – so abweisend, so gefühllos, so – kalt eben….

      Gefällt mir

      • Ich kann es schon ein wenig nachvollziehen, ich habe mich streckenweise auch gegruselt. Die Kälte habe ich auch gespürt, wie ich es auch schrieb, aber für mich lag da noch eine Schicht drunter, die mich berühren konnte.
        Viele Grüße!

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s