Emma Cline: The Girls Hanser Verlag

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Die 1989 geborene Emma Cline ist die Newcomerin aus den USA, die wohl nach Erscheinen ihres Buches im Sommer in den Feuilletons am meisten vertreten war. Zumeist hoch gelobt.
Zugegeben, nach kurzen Einstiegsschwierigkeiten habe auch ich das Buch gespannt und gebannt ausgelesen. Es ist schon verblüffend, wie gut diese junge Autorin schreiben kann. Man merkt zwar die typisch amerikanische Creative-Writing-Schule durchs Buch strömen, aber so wie Cline auffallend viele und manchmal auch gekünstelt wirkende Metaphern aneinanderreiht,

„Ich brauch ein bisschen Schlaf“, sagte er mit sorgsam neutralisierter Stimme. Einer Stimme wie ein Radiergummi, deren beharrliche Eintönigkeit mich dazu bringen sollte […]“

so geschickt und intensiv erzählt sie doch von ihrer Hauptfigur, der 14-jährigen Evie Boyd, die 1969 mit ihrer Mutter in der tiefsten Provinz Kaliforniens lebt.

„Connie war wahrscheinlich mit May Lopes zusammen. Peter und Pamela kauften Zimmerpflanzen für eine Wohnung in Oregon und weichten Linsen fürs Abendessen ein. Was hatte ich? Tränen tropften von meinem Kinn in den Dreck, ein erfreulicher Beweis meines Leids. Diese Leere in mir, um die ich mich zusammenrollen konnte wie ein Tier.“

Diese Leere, diese Einsamkeit, das Gefühl von Verloren- und Verlassensein treibt Evie in die Arme einer Hippiekommune. Die Mutter geschieden und auf dem Selbstfindungstrip, der Vater lebt bereits mit einer anderen, trifft Evie auf die selbstbewussten „Girls“ aus der sektenartigen Gemeinschaft um den charismatischen Russel. Evie hat nur Bewunderung für diese selbstbewussten Mädchen, allen voran Suzanne, da sie scheinbar vollkommen frei leben und ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl anhaftet, dass Evie gar nicht kennt. Mehr und mehr gerät sie in deren Bann, obwohl sie nicht immer alles versteht, was dort in der Kommune auf dem verlassenen Gehöft tatsächlich vor sich geht. Auf wilde Parties mit Sex und Drogen folgen Tage mit Einbrüchen, um Geld und Nahrungsmittel zu beschaffen. Evie fühlt sich an- und ernstgenommen und auch befreit aus den „spießigen“ Verhältnissen, aus denen sie stammt.

„Wie Suzannes Gesicht aussah, während sie ihm zuschaute – ich wollte mit ihr zusammen sein. Ich dachte, jemanden zu lieben fungiere als eine Art Schutzmechanismus, als begreife der geliebte Mensch das Ausmaß und die Intensität der ihm entgegengebrachten Gefühle und verhielte sich entsprechend. Das erschien mir fair, als wäre Fairness ein Maßstab, der das Universum auch nur im geringsten kümmerte.“

Cline umschließt die Geschichte der Teenager-Evie mit dem Blick der Erwachsenen-Evie, die aufgrund der prägenden Zeit in der Kommune auch später im Leben nicht so wirklich Fuß fassen konnte. Der Wechsel der Erzählstränge macht die Geschichte dichter und spannender für den Leser. Die Erwachsene erinnert und reflektiert und stellt sich immer wieder die Frage: Hätte ich damals auch gemordet?

Die Morde, die im Roman von Suzanne und anderen Ausgewählten begangen werden, sind angelehnt an die wahren Ereignisse um den Sektenführer Charles Manson, der ohne direkten Befehl seine „Untergebenen“ veranlasste für ihn Menschen zu töten, die ihm nicht mehr nützlich waren.

Die Stärke dieser Geschichte liegt eindeutig im gekonnten „Beschreiben“ der Hauptfigur Evie und deren innerem Erleben. Ein gelungener Schachzug war sicher, die wahre Manson-Geschichte als Vorlage zu benutzen und sich daran geschickt entlang zu schreiben. Ich bin gespannt, ob und wie es Emma Cline gelingt, vielleicht im nächsten Buch, aus rein fiktivem Stoff einen Roman zu schreiben .

Der Roman „The Girls“ erschien im Hanser Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen finden sich auf „Die Buchbloggerin“ und bei letteratura

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2 Gedanken zu “Emma Cline: The Girls Hanser Verlag

  1. Ich mochte das Buch sehr, vor allem, weil Cline es so gut gelingt, darzustellen, wie es ist, erwachsen zu werden als Mädchen, die ganzen Sorgen und Nöte, die Zweifel, die offenbar ganz zeitlos sind. Die Anlehnung an den Manson-Fall war mich für zweitrangig, weil der Roman für mich einfach einen anderen Schwerpunkt hatte. Ich bin auch gespannt, was von Emma Cline als nächstes zu lesen sein wird.

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