John Burnside: Wie alle anderen Knaus Verlag

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In diesem Herbst kamen gleich zwei neue Bücher des schottischen Autors John Burnside auf den deutschen Markt: Zum einen oben genannter Roman, der der Nachfolgeband bzw. die Fortschreibung seines bekannten Buches „Lügen über meinen Vater“ ist, zum anderen der Lyrikband „Anweisung für eine Himmelsbestattung“, welcher eine Auswahl aus all seinen bisherigen Gedichten beinhaltet in einer zweisprachigen Ausgabe.

Freudig nahm ich „Wie alle anderen“ zur Hand, hatte mich doch „Lügen über meinen Vater“ sehr beeindruckt. Doch mit diesem Buch verhielt es sich anders. Nach den ersten Seiten, fragte ich mich, wo denn Burnsides viel gelobte Sprachfertigkeit steckt, die ich ja selbst in Erinnerung hatte. Ich war enttäuscht. Auch der Inhalt vermochte mich zunächst nicht zu fesseln, die Geschichte plätscherte vor sich hin. Doch irgendwann öffneten sich die Türen: Und siehe da, es gab doch diese Momente, in denen die Sprache strahlte so wie in Burnsides Lyrik, und in denen er sie so gestaltete, dass magische Augenblicke entstanden.

„Sie saß am Fenster am anderen Ende der Kantine, in den Händen eine salzweiße Teetasse, Ellbogen auf den Tisch gestützt, und um das runde, sehr helle Gesicht brach sich der Widerschein vom Asphalt der Straße, weshalb sie wie von innen erleuchtet aussah.“

Die Geschichte mit stark autobiographischen Bezügen schildert den Versuch des Protagonisten namens John, ein ganz normales Leben zu führen, eben „wie alle anderen“. Doch scheint das Angestrebte nicht so leicht erreichbar. John, der nie so werden wollte wie sein Vater, ein Trinker und Spieler, gerät selbst immer wieder in den Strudel der Alkoholsucht, ist zeitweise von allerlei Drogen abhängig, verbringt einige Zeit in der Psychiatrie aufgrund seiner Apophänie, einer speziellen Art von Schizophrenie, und tut sich schwer mit dem „Normalen“, was ihn oft langweilt.

„Und doch  tief in mir drinnen war ich trotz meiner Faszination für Surbiton nicht gänzlich davon überzeugt, fürs Normale bereit zu sein. Theoretisch wollte ich ein normales Leben, theoretisch wollte ich in meine private Welt abtauchen und in der Vorstadt Briefmarken sammeln, schließlich wusste ich, dass ich Heilung brauchte.“

Und so führt uns Burnside durch verschiedene Phasen seines Lebens und erzählt dabei ausgewählte Szenen, die ihm in seiner Erinnerung stark verhaftet blieben. Ihm Prinzip geht es um die Erforschung dieser Erinnerungen und um die Geschichten die daraus zu Tage treten. Es sind Sequenzen mit zwischenmenschlichen Begegnungen, oft der sonderbarsten Art. Das beginnt mit dem Arbeitskollegen, der John ernsthaft fragt, ob er nicht seine Frau umbringen könne, er würde dann auch für ihn einen Mord begehen. Und führt weiter über eine Sequenz, in der John eine fragwürdige Beziehung mit Gina eingeht, deren Kinder er lieb gewinnt, die sie jedoch mit Tabletten ruhig stellt, damit sie ungestört ausgehen kann. Dann folgt eine Episode, in der er in einer Fabrik jobbt, wo er einer Seelenverwandten begegnet, die allerdings kurz darauf aus mysteriösen Gründen stirbt.
Desweiteren begegnet er überraschend seiner Jugendliebe wieder, auf die er sich sofort wieder einlässt, und auch diesmal ist es intensiv, doch nur von begrenzter Dauer. Um nach der Trennung nicht wieder dem Alkohol anheim zu fallen, braut er sich aus selbst gezogenen Pflanzen allerlei aufputschende Tränke. Immer wieder kommen Rückfälle und manchmal scheint es ihm selbst schwer zu fallen, zwischen fiktiver und realer Welt zu unterscheiden.

Highlight des Romans ist für mich das Kapitel Wie man Fliegen lernt im letzten Viertel des Buches, ein Erforschen des eigenen Inneren, des Alleinseins, ein sich Bewusstwerden in unberührter Landschaft, eine Hommage an das „Verschwinden“.

Heute ist die Welt mir nicht mehr zu viel, sie ist mir mehr als genug – und nach langem Nachdenken frage ich mich seit Kurzem, ob es nicht eine Alternative zu den Zwillingspolen von verrückt und normal gibt, eine Disziplin, in etwa dem Fliegen vergleichbar oder dem Verschwinden.“

Anfangs empfand ich den Roman sperrig und schwer zugänglich. Das legte sich mit der weiteren Lektüre mehr und mehr. Ist es allein mein Empfinden, dass das Buch zum Ende hin immer stärker wird? Für Burnside braucht man wohl ein gewisses Faible für Mystik und Spiritualität, um durch seine Texte hindurch zu wandeln, enthalten sie doch eine spezielle Art der Energie, die auch durch seine Lyrik strömt. Eine gute Einstimmung jedenfalls auf „Anweisung für eine Himmelsbestattung“.

Der Roman erschien im Knaus Verlag in einer Übersetzung von Bernhard Robben. Eine Leseprobe findet sich hier.

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